Network (1976)

Kritisch ist der postmoderne Geist, kritisch ist die mediale Situation. Als ersten Beitrag zum subjektiven Filmkonsum möchte die Katzenfilosofin daher ein Werk mit großem verschwörungstheoretischen Potenzial in Erinnerung rufen, „Network“ von Sidney Lumet. 1976 scheint die Kapitalismuskritik ebenso wie die Systemtheorie eine erste Höhe erreicht zu haben, ohne dass die Vernetzung Verschwörungstheorien eine Plattform bot, die sie wuchern ließ und diskreditierte. Ganz abgesehen von der gelungenen Durchdringung ideologischer Zusammenhänge ist der Film hervorragend gemacht, er verbindet seine Kritik an der öffentlichen Medien- und Geldpolitik mit deren Einfluss auf das Private, auf die persönliche Lebensgestaltung im geheim-bürgerlichen Wohn- und Schlafzimmer.

Ein Nachrichtensprecher läuft Amok, ein Medienkonzern profitiert. So lautet die offizielle Beschreibung von „Network“. Tatsächlich wird abgebildet, wie sich gewisse Kreise die Umgestaltung der Welt – die GLOBALISIERUNG – vorstellen und welche Auswirkungen auf die individuelle Persönlichkeit diese durchaus abstrakten Vorgänge haben. An einer Stelle erklärt der neue Besitzer („Investor“) des TV-Senders Arthur Jensen (überzeugend: Ned Beatty) dem gefeuerten Nachrichtensprecher Howard Beale (genauso: Peter Finch) wie folgt die neue Weltordnung:

‚Sie sind ein alter Mann, der noch in Begriffen wie ‚Nationen‘ und ‚Völkern‘ denkt. Es gibt keine Nationen! Es gibt keine Völker! Es gibt keine Russen, es gibt keine Araber, es gibt keine Dritte Welt, es gibt keinen Westen – es gibt nur ein einziges großes holistisches System der Systeme. Ein riesiges, ungeheuer mächtiges, verflochtenes, sich gegenseitig beeinflussendes, multivariables, multinationales Dominion von Dollars, Petrodollars, Elektrodollars, Multidollars, deutsche Mark, Gulden, Rubel, Pfund, also jede Art von Geld. Es ist das internationale Währungssystem, das die Globalität auf diesem Planeten bestimmt.

DAS ist die natürliche Ordnung der Dinge – heutzutage. DAS ist die atomare und die subatomare und die galaktische Struktur der Dinge HEUTZUTAGE! Und Sie haben sich in das Spiel der Urgewalten der Natur eingemischt. Und SIE werden das wieder gut machen! Verstehen Sie mich eigentlich, Mister Beale? Sie erscheinen da auf Ihrem lächerlichen kleinen Bildschirm und wehklagen über Amerika und Demokratie. Es gibt kein Amerika! Es gibt keine Demokratie! Es gibt nur IBM und ITT. Und ATNT … und Exxon. DAS sind die Nationen der Welt, heutzutage.

Was glauben Sie, worüber die Russen bei ihrer Ministerratssitzung reden? Über Karl Marx? Die holen ihre linearen Programmierungstabellen raus, statistische Entscheidungstheorien, Logarithmentabellen und befragen den Computer über den Kosten-Nutzen-Effekt ihrer Transaktionen und Investitionen, genau wie wir. Wir leben nicht länger in einer Welt von Nationen und Ideologien, Mister Beale. Die Welt besteht aus einer Gruppe von Konzernen. Sie unterliegt bestimmten Gesetzen – unwandelbaren Gesetzen der Wirtschaft.

Die Welt ist ein Geschäft, Mister Beale! Das war so, seit der Mensch aus dem Urschleim gekrochen ist. Und unsere Kinder werden es erleben, Mister Beale. Sie werden sie erleben – die perfekte Welt, in der es weder Krieg noch Hungersnot gibt, weder Unterdrückung noch Brutalität. Eine riesige ökumenische Holdinggesellschaft, für die alle Menschen arbeiten werden, um einen gemeinsamen Profit zu erwirtschaften, und alle Menschen werden an dieser Gesellschaft einen gewissen Anteil haben. Alle Bedürfnisse werden befriedigt. Angst und Schrecken werden verschwunden sein. Und auch Langeweile wird es nicht mehr geben.

Ich habe Sie auserkoren, Mister Beale, dieses Evangelium zu verkünden.‘

‚Warum mich?‘

‚Weil Sie beim Fernsehen sind, Sie Dummkopf. 60 Millionen Menschen sehen Sie jeden Abend, von Montag bis Freitag.’“

 

Und ebenso wie 60 Millionen Menschen nicht hören wollen, dass ein neues Zeitalter der Unmenschlichkeit, das Mister Beale prompt am nächsten Abend verkündet, angebrochen sei, dass das Ende des Individuums, wie wir es kannten, bevorstehe, wollen sie heute wissen, dass wir in einem durch und durch korrupten Gesellschaftssystem leben, das uns nicht nur unsere Träume nimmt, uns unserer Sprache beraubt, sondern auch der Mittel, sich zu wehren. Denn alles, was wir tun, wird doch wieder von ökonomischen, funktionalistischen Gesetzen bestimmt (und es ist bequem, solche Gedanken an den Flimmerkasten abzugeben). Genial an der Szene ist die Instrumentalisierung des verzweifelten Nachrichtensprechers durch die Offenbarung – seine Intention ist die des Aufrüttelns, am System rüttelt er jedoch nicht, vielmehr bedient es sich seiner. Die Enthüllung wird über Emotionen transportiert, die nicht zu einer Distanzierung von den Medien führen können, sondern durch ihren Unterhaltungscharakter das System zementieren. Das ist zynischste Realtität auch in den heutigen Medienaufklärungsformaten – solange sie konsumiert werden, stabilisieren sie die Strukturen (oder systemtheoretisch: der geschlossene Kreislauf sich selbst bestätigender Systeme funktioniert reibungslos).

Ein befreundeter (echter) Philosoph erzählte mir kürzlich, dass er nur noch Lehraufträge zur antiken und neuzeitlichen Philosophie annehme, wenn er über Geld reden dürfe – wenn er die Geschichte der abstrakten Zahlungsmittel und ihres Einflusses auf alle Lebenszusammenhänge erklären und philosophisch einbinden dürfe. Er habe sich mit Kollegen überworfen, weil er ihre Gehälter öffentlich machen wollte, um sie zu zwingen, Stellung zu beziehen: Denn man könne nicht über Moral, über Natur und Kultur, über Sinn und Wahrheit philosophieren, ohne die Wirklichkeit der ‚Mittel‘ einzubeziehen, die dem Leben zugrundeliegen und Machtstrukturen erblühen lassen. Obwohl er ein brillanter Denker mit hervorragenden Referenzen und Publikationen ist, hat er nun große Probleme, seine Profession auszuüben -. Das große Tabu unserer Zeit ist die Durchdringung des Einflusses, den abstrakte Zahlungsmittel auf jedes einzelne Leben ganz konkret nehmen.

Vordergründig ist ‚Network‘ eine ausgezeichnet inszenierte und gespielte 40 Jahre alte Mediensatire, in Wirklichkeit aber ein bitterer Ausblick auf das, was nach ihr kam, was ist und was noch kommen wird. Das mag zwar unhintergehbar sein, doch glücklicherweise gibt es Katzen und fernsehfreie Wohnungen. (KudV)

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