Über-Kanzler am Klavier – eine Fundsache aus der Spätphase des analogen Zeitalters

Es mag mit der Jahreszeit zusammenhängen, dass sich ausgerechnet dieser Komponist in letzter Zeit ganz besonders häufig auf dem Plattenteller (bzw. unsichtbar unter dem Laser bzw. digitalerweise überhaupt nicht) drehte. Oratorien, Partiten, Suiten, Motetten, Violin-, Cembalo- und Klavierkonzerte – das über 1000 Nummern umfassende Werkverzeichnis des Leipzigers mit Lüneburger Vergangenheit (warum eigentlich gibt es hier ein Heine- aber kein Bach-Haus? Wo hat der Kerl eigentlich gewohnt damals?) kann beglücken und überfordern zugleich, weshalb es Sinn macht, sich lediglich einer bestimmten Schaffensphase oder einem Genre des Komponisten zu widmen. Angeregt von einem hervorragenden Konzert (dessen Eindrücke vom enthusiasmierten Besucher hier an anderer Stelle niedergeschrieben wurden) war es das Tasteninstrument – das alte wie das moderne(re) – welches im Mittelpunkt des Interesses stand. Knisternde Schallplatten-Schätze wurden ausgegraben, Downloads getätigt („Laptop und Lederhose“ auf musikalisch) und… eine Rarität aus dem CD-Regal gezogen, deren Existenz in Vergessenheit zu geraten drohte bzw. bei den Digitalisten noch nie ins Bewusstsein gedrungen war.  Der schon seit einigen Jahren zum größten Deutschen aller Zeiten (mindestens!) aufgestiegene, seit Jahrzehnten (mindestens!) in einem Reihenhaus in Hamburg-Langenhorn lebende und Generationen von Reihenhaus-Wachpersonal überlebende und vermutlich erste Unsterbliche in der Geschichte der Menschheit, der nicht nur die Hamburger vor den schlimmsten Folgen einer Jahrhundert-Flut bewahrte und später die Umwandlung unserer schönen Republik in einen Hammer-und-Sichel-Staat verhinderte, dieser mittlerweile längst Heiliggesprochene, der den Tabakkonsum in einem an Regulierungswut zu ersticken drohendem Land wieder salonfähig machte und für hübsche Geschichten wie jene vom Hamsterkauf und im heimischen Keller eingelagerter hunderter Stangen Menthol-Zigaretten kurz nach Bekanntgabe von deren Verbot sorgte und der nebenbei bzw. später das Weltgeschehen in zahllosen Büchern, Artikeln und Interviews, stets bestimmt aber unter Vermeidung von Einmischung in die Tagespolitik, kommentierte und aufgrund des Verlustes eines Großteils seines Gehörs vom Klavierspiel und jeglichem Musikgenuss zu lassen Gezwungene, dieser durchaus Streitbare, in seinen Ansichten oft genug Starre, sozio-kulturell hoffnungslos Konservative und von all dem Huld und Lob, das ihm zuteil wurde, bei allem demonstrativen Understatement, sicher nicht unangenehm Berührte, dieser Mann war  – angesichts einer solchen Lebensbilanz musste es wohl zwangsläufig in Vergessenheit geraten –  auch ein formidabler Tastenkünstler!

Nun, Ähnliches hat nicht einmal der ‚Künstler‘ selbst von sich behauptet und einen Ex-Politiker als Gastmusiker für eine professionelle Aufnahme mit renommierten Solisten zu rekrutieren stellt auch kein Sakrileg dar, erfordert der Part des Konzertes für 4 Klaviere doch sogar den eines Laien. Den erfüllt der Altkanzler souverän – wäre eine Jahrhundert-Interpretation das Ziel dieser Darbietung, so böte sein Part auch bei allerfeinstem Spiel keine Gelegenheit, dazu den entscheidenden Beitrag zu leisten.

Bach starb vor über 250 Jahren. Sein Ruf als vielleicht großartigster Komponist aller Zeiten war im Laufe der Jahrhunderte keineswegs durchgängig. Erst das Engagement Felix Mendelssohns im 19. Jahrhundert verhalf ihm zu seiner Wiederauferstehung, nach etlichen Jahrzehnten in Vergessenheit. Sollte, was wahrlich schwer vorstellbar ist, Helmut Schmidt nach seinem Tod – so dieser denn eines Tages tatsächlich eintreten sollte –  ein ähnliches Schicksal ereilen, würde es aufgrund dieser Aufnahme, soviel ist sicher, nie und nimmer eine Schmidt-Renaissance als Musiker geben. Mit seinen Schriften, Reden und (Groß-)Taten verhielte es sich da möglicherweise anders.

Nein, das schönste an dieser Aufnahme (es gibt sogar noch eine frühere, zu seinen Kanzler-Zeiten aufgenommene, mit Klavier-Werken Mozarts) ist vielleicht die Tatsache, dass es sie gibt. Freundlich und ernst blicken die  vor dem Flügel positionierten Männer in ihren karierten, mit Einstecktüchern versehenen Altherren-Sakkos (Schmidt und Eschenbach) bzw. im Performance-Dress weißer Hemden unter schwarzen Anzug-Jacken (Frantz und Oppitz) aus dem Bild (bis auf Frantz, der bewundernd zu Schmidt hinüberblickt). Hier gilt’s der Kunst, so die Botschaft. Ein irgendwie rührendes Bild, dessen Entstehung jenseits der Mitte der 1980er Jahre kaum denkbar wäre. Kein anderer Spitzenpolitiker hätte in diesem Quartett eine so stimmige Figur abgegeben, jedem seiner Nachfolger  hätte es – selbst bei vergleichbaren oder gar ausgeprägteren Fähigkeiten am Instrument – an der nötigen Authentizität gefehlt. Namen wollen wir hier gar nicht erst durchgehen.

Es ist schwer zu sagen, ob im Rahmen einer Straßenumfrage mehr Menschen mit dem Namen Helmut Schmidt oder dem Namen Johann Sebastian Bach etwas anfangen könnten. Man möchte es eigentlich auch gar nicht wissen, vermutlich kämen abenteuerliche Ergebnisse dabei heraus („Schmidt? Digga, war das nicht so‘n Komiker?“). Der Besitz dieser CD trägt praktisch dazu bei, beide – den Komponisten sowie den Klavier spielenden Politikmenschen, sollte dieser wider Erwarten doch nicht unsterblich sein –  in bester Erinnerung zu behalten.

(KubA)

Johann Sebastian Bach Konzert für vier Klaviere und Streicher a-Moll, BWV 1065 Konzert für zwei Klaviere und Streicher C-Dur, BWV 1061 Konzert für zwei Klaviere und Streicher c-Moll, BWV 1060 Konzert für drei Klaviere und Streicher d-Moll, BWV 1063 Konzert für zwei Klaviere und Orchester Es-Dur KV 365 (KV 316a)

Christoph Eschenbach, Justus Frantz, Gerhard Oppitz (nur BWV 1063, 1065) und Helmut Schmidt (nur BWV 1065), Klavier Hamburger Philharmoniker Ltg.: Christoph Eschenbach

Hörproben: https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/Johann-Sebastian-Bach-1685-1750-Klavierkonzerte-BWV-1060106110631065/hnum/5003057

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Ein Gedanke zu “Über-Kanzler am Klavier – eine Fundsache aus der Spätphase des analogen Zeitalters

  1. Heiner Müller konnte das auch, gut, Ein-Satz-Texte von mehreren Seiten länge. Hier entspricht dann die Länge des Satzes der Größe des Gegenstandes – das macht zwar keinen, ergibt aber Sinn. 🙂

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