Von Geigen-Nerds und charismatischen Franzosen – die Kammerphilharmonie Bremen zu Gast in Hamburg

Der erste Eindruck trügt. Der adrett gekleidete junge Mann verbeugt sich artig, bevor er zur Tat schreitet. Doch kaum hat er vor dem Flügel Platz genommen und greift in die Tasten, setzt ein kurzer Moment der Verstörung ein. Wie sitzt der denn da? Kein Orthopäde mit Passion wird diesen Anblick ertragen können. Tief über die Tasten gebeugt, das Gesicht von langem dünnen Haar verhängt, würde man diese Haltung vielleicht von dem noch immer auftretenden (und demnächst an selbem Ort gastierenden) Menahem Pressler erwarten. Jener jedoch befindet sich in seinem 91sten Lebensjahr, während der Solist dieses Abends dessen Urenkel sein könnte. Hat man ihm den Klavierhocker (mit Lehne!) falsch eingestellt? Oder will er – Künstler haben ja so ihre Eigenarten – den späten Chopin kurz vor seinem Ableben imitieren?

Aber gemach, denn auch dieser zweite Eindruck trügt. Hat man sich an diese etwas bizarre, zunächst schwer miteinander in Einklang zu bringende ‚Schöngeist-Schlaks-älterer Herr mit massiven rheumatischen Beschwerden-Erscheinung‘ gewöhnt, wird man zunehmend in den Bann gezogen von der schnörkellosen, beinahe ein wenig aggressiven Spielweise dieses Piansten – klar und präzise, temporeich, mit hartem Anschlag geht er die beiden späten Bachschen Kompositionen für Klavier (bzw. ursprünglich Cembalo) und Orchester an. Man spürt, dass hier keiner jener derselben Generation angehörenden Tastenmenschen hinter dem Flügel sitzt, die zwar allesamt technisch und mitunter darüber hinaus auch interpretatorisch zu brillieren in der Lage und sicher nicht zu Unrecht auf den großen Konzertpodien der Welt angekommen sind, die aber doch alle diese vielbeschworene Aura eines Tastenmagiers vermissen lassen.Martin Stadtfeld, Lars Vogt, Leif Ove Andsnes, Martin Helmchen –  zweifelsohne großartige Pianisten und in  ihrer Ausstrahlung sehr viel angenehmer als das übertrieben nervtötende Gebaren eines Lang Lang. Dennoch, ein bisschen mehr Charisma wäre mitunter doch wünschenswert.

Aber ist dieser für seine Bach-Einspielungen gefeierte Franzose möglicherweise nicht doch nur ein ganz leicht durchschaubarer Posenmensch? Obwohl er die Konzerte ohne Pathos und große Gesten spielt – ein unterdurchschnittlich ausgeprägtes Ego scheint nicht sein Problem zu sein. In eher ritualisierter als zweckmäßig erscheinender Weise wischt er Hände, Stirn und Tasten (in dieser Reihenfolge) mit einem nach jedem Satz aus dem Klavierkasten hervorgeholten weißen Tuch ab, bevor er dieses dort lässig wieder verschwinden lässt. Es gibt sicher kauzigere Angewohnheiten, bemerkenswert sind sie dennoch. Sollte er das Konzert nicht eigentlich auch leiten? Stattdessen sitzt er da, mit verschränkten Armen zurückgelehnt auf seinem Hocker, dem vom Orchester Dargebotenen kritisch, aber mit sichtbarem Wohlbehagen lauschend und auf seinen nächsten Einsatz wartend.

Das macht aber gar nichts, denn die Kammerphilharmonie hat alles im Griff.  Dieser Mann scheint so abgeklärt, dass man sich vorstellt, wie er noch Sekunden vor seinem Auftritt in ein Fischbrötchen beißt und auf dem Weg zum Flügel den letzten Bissen davon hinunterschluckt. Wäre er spielerisch weniger überzeugend, fühlte man sich auf jeden Fall trotzdem prächtig unterhalten. Es ist nicht auszumachen, ob hinter diesem etwas sonderlichen Gebaren mehr Kalkül oder Authentizität steckt.  Die Cover seiner Tonträger präsentieren ihn in schöngeistigen Posen, die eine Mischung aus Richard Clayderman und Frauen betörendem Gymnasiasten mit Wittgenstein-Einschlag aufbieten und sich allesamt eher wenig mit seiner Bühnen-Erscheinung decken.

Zur Ergründung dessen, was es nun eigentlich wirklich auf sich hat mit diesem Künstler, bedarf es also weiterer Konzertbesuche, denen wir nach diesem Abend in freudiger Erwartung harren. Gerne hätte man sich von seiner Stimmlage überzeugt, doch die Zugabe, zu der er sich in „Ach komm‘ spiel’n wir noch einen“-Manier wieder vor dem Flügel platziert, sagt er leider nicht an. Das ist aber nicht schlimm, zumal er die dennoch als solche identifizierte Ungarische Melodie von Franz Schubert so abgeklärt und gleichzeitig anrührend spielt, dass es meiner Begleitung Tränen in die Augen treibt. So bin schließlich auch ich gerührt, von den Tränen meiner Begleitung wie von diesem Konzertabend, der mal wieder zeigt, dass musikalische Sternstunden zwar selten, aber immer wieder möglich sind.

Das Orchester stand dem Solisten – rein musikalisch –  in nichts nach, begleitete ihn souverän und gleichzeitig leidenschaftlich. Eine atemberaubend professionelle, frische, aber keineswegs routinierte Gesamtleistung, die dem regelmäßigen Konzertbesucher hörbar macht, was dieses Ensemble den Hausorchestern des hiesigen Saales voraus hat.

Man sollte den kulturpolitisch Verantwortlichen vorschlagen, die Kammerphilharmonie zum Residenzorchester des irgendeines fernen Tages am Hafen die Pforten öffnenden neuen Musentempels zu machen. Aber ausgerechnet ein Orchester aus der ewigen Konkurrenz-Hansestadt als Zugpferd in der selbsternannten Musikmetropole Hamburg? Diese Demütigung würde die stolze Stadt, in der der alte Brahms das Licht der Welt erblickte (was zu erwähnen der musikbeflissene Hamburger nicht müde wird) niemals akzeptieren.

Aber zurück zum Konzert: Der Abend bot schließlich noch einen zweiten Solisten auf, der im Hauptberuf der erste Geiger des Orchesters ist und für dieses Konzert den Solo-Part der beiden Violinkonzerte zu übernehmen sich bereit erklärt hatte. Es kann nicht verschwiegen werden, dass dessen Aura der des Franzosen am Flügel, nun ja, nicht annähernd das Wasser reichen konnte. Ohne seine Geige hätte man meinen können, dass dieser Mann den Weg auf die Bühne nahm um dem Publikum das neue iPad Air zu präsentieren. Solche Typen wähnt man vor Bildschirmen in Glasbauten, nicht vor Notenständern in neobarocken Konzertsälen. Der zuvor beschriebenen Verstörung war also bereits eine weitere – wenn auch weniger nachhaltige – vorausgegangen. Man tut also auch innerhalb der Mauern eines Konzertsaals gut daran, so die Lehre dieses Abends, sich von Äußerlichkeiten nicht täuschen zu lassen. Dem Mann mit der Nerd-Brille spritzte vielleicht nicht gerade das Blut aus dem Geigenbogen, aber nach kurzzeitigen Koordinationsproblemen zu Beginn gab er die zwei Violinkonzerte so abgeklärt-innig, dass es nur arg gefühlskalte Gemüter (waren zweifellos anwesend) unberührt lassen konnte. Auch die stehend dargebotene CPE Bachsche (der „Hamburger Bach“) Sinfonie war schlicht packend, die Einheit von sichtbarer Spielfreude und akustischer  Brillanz ein sinnliches Vergnügen, das viel zu früh ein Ende fand.

Ach ja, nachdem wir uns nun schon so viel mit Äußerlichkeiten aufgehalten haben darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass die Konzertmeisterin ein wirklich tolles Kleid trug. Neben dem Solisten der Violinkonzerte kam es ganz wunderbar zur Geltung und von manch anderem Pianisten hätte sie damit womöglich einen Großteil der Aufmerksamkeit abgelenkt – bei diesem war das jedoch ganz und gar unmöglich. (KubA)

26.10.2014, Hamburg. Laeiszhalle Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen • David Fray, Daniel Sepec
Johann Sebastian Bach: Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo E-Dur BWV 1042
Johann Sebastian Bach: Klavierkonzert d-Moll BWV 1052 ***
Carl Philipp Emanuel Bach: Symphonie e-Moll Wq 177 (für Streicher und Basso Continuo)
Johann Sebastian Bach: Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo a-Moll BWV 1041
Johann Sebastian Bach: Klavierkonzert A-Dur BWV 1055
Franz Schubert: Ungarische Melodie h-Moll D 817 (Zugabe)

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