Jahresrückblick Literatur – „Koala“, von Lukas Bärfuss

Gefragt nach dem Buch des jüngst zuende gegangen Jahres ist es, ohne lange überlegen zu müssen, der neue Roman dieses Schweizer Autors, Jahrgang 1971, der über den Jahreswechsel hinaus in Erinnerung bleiben wird. Vor ziemlich genau 10 Jahren erlebte sein Stück „Der Bus“ im Hamburger Thalia Theater seine Uraufführung – ein Werk über die Widersprüche des Glaubens und den Sinnverlust in der westlichen Welt. Weitere Stücke folgten, „Alices Reise in die Schweiz“ behandelte das Thema Sterbehilfe schon bevor es wenig später zum Gegenstand öffentlich geführter hitziger Debatten wurde. 2008 erschien dann sein erster Roman („Hundert Tage“), eine fesselnde, betroffen machende Geschichte über das Versagen europäischer Entwicklungshilfe am Beispiel des ruandischen Bürgerkrieges im Jahr 1994. Über die Entlarvung eines politischen Versagens hinaus ist es jedoch eine Darstellung der unlösbaren Widersprüche des Lebens, den Absurditäten des menschlichen Daseins und der Frage nach Schuld und Verantwortung.

Auch „Koala“ ist wieder voll von solchen Widersprüchen und unbeantworteten, vielleicht nicht beantwortbaren Fragen. Die menschliche Existenz ist Bärfuss genauso rätselhaft wie allen, die zu klug und zu misstrauisch sind, um mit einfachen Erklärungen aufzuwarten.

Eine zentrale Frage in „Koala“ ist die des Verhältnisses des Menschen zur Arbeit. Kurz nach dem Selbstmord seines Bruders – der Rahmen der Geschichte stimmt weitgehend mit der Biographie des Autors überein – begibt sich der Ich-Erzähler auf die Suche nach Motiven für diese Tat. Die Vorgehensweise ist ambitioniert: zwischen dem vermeintlich untätigen Leben seines Bruders zieht er Parallelen zur Naturgeschichte, zur Biografie des Koalas, dessen Name man ihm bei den Pfadfindern gegeben hatte. Kaum ist die Rahmenhandlung – der Selbstmord des Bruders, seine Kindheit und Jugend, die Ungleichheit der beiden Geschwister – erzählt, vollzieht der Autor einen gewaltigen Schnitt: wie ein Axthieb bricht der Zeit- und Ortswechsel in die Szene ein. Sprachgewaltig und nüchtern zugleich wird der Leser in das 18. Jahrhundert gebeamt, in die Zeit, als sich englische ‚Verdammte‘, im Auftrag ihrer Majestät, und unter härtesten Bedingungen, geschunden und gequält von verrohten und sadistischen Anführern, auf den Weg an das Ende der Welt machten. Eine Geschichte von Ausbeutung und Vernichtung, von Brutalität und Niedertracht des menschlichen Wesens und der unsäglichen Katastrophe, die mit seinem Eintritt in die Weltgeschichte ihren Lauf nahm. Auch der Koala wird ihr Opfer und beinahe ausgerottet. Ein Tier, und da setzt der Autor an, dessen Existenzberechtigung im Sinn eines Nutzens nicht erkennbar ist und für den Menschen in seiner Behäbigkeit eine dauernde Provokation darstellt. Es lebt in einer feindlichen Umgebung und überlebt, weil es dem Prinzip der Faulheit und der vollständigen Anpassung an seine Umwelt folgt. „Hat vielleicht der Name gar das Schicksal des Bruders mitbestimmt? Wird ein Mensch seinem Namen ähnlich?“, wird auf dem Buchumschlag gefragt. Das scheint angesichts eines vergebenen Pfadfinder-Namens dann vielleicht doch etwas weit hergeholt. Doch auch der Autor ist skeptisch, in einem Interview äußert er:

„Koalas leben von einer Nahrung, die potentiell tödlich ist, nämlich von Eukalyptus-Blättern. Sie sind standorttreu und verlassen niemals ihre Umgebung. Auch mein Bruder hat seine Stadt nie verlassen und hat sich vergiftet. Daraus die Frage: Was ist ein Name, wie funktioniert ein Totem? Leitet es einen, oder bewegt man sich darauf zu? Ich habe keine Antwort gefunden“.

Man mag davon also halten, was man will – als Rahmen trägt die Fragestellung allemal und führt dabei vor allem die Rätselhaftigkeit der menschlichen Existenz vor.

Am Ende ist die Gegenwart wieder Schauplatz der Handlung, eine verschlafene Stadt an einem See in der Schweiz, wo auch Heinrich von Kleist, auch so ein Selbstmörder, eine Weile gelebt hat. Die Asche des Bruders wird in den See gestreut und der Autor sinniert:

„Vermutlich war gar niemand auf die Idee gekommen, die Totenfeier in dieser Kapelle abzuhalten, es war jedem klar: Mein Bruder hatte dort nichts verloren und nichts zu suchen, er musste draußen bleiben, für ihn gab es keinen Platz im Haus Gottes, keinen Platz in der Historie, aber mich tröstete der Gedanke, dass seine Geschichte älter war als diese Kirche. Sie reichte zurück zu den Anfängen, in Zeiten, als es keine Könige gab und die Menschen keine Schrift hatten, weiter zu jenen, denen das Feuer unbekannt war und deren Väter und Mütter die meiste Zeit nicht aufrecht gingen, sondern halb erhoben in einer Steppe weit weg von hier nach ihren Feinden Ausschau hielten, Kreaturen, deren Ahnen kleiner gewesen waren als sie selbst und deren Ahnen noch einmal kleiner, Baumbewohner mit riesigen Augen, Lemuren, deren Vorfahren die Größe einer Maus hatten und von einem Mischwesen abstammten, einem Reptil mit weitauseinanderstehenden Gliedmaßen, einem säugetierartigen Gebiss und vor allem einem Schädelfenster, das zur Eintrittsluke für die Evolution eines größeren Gehirns wurde; die Geschichte meines Bruders reichte zurück zu den Pionieren, die als Erste das Land erobert hatten, dabei auf das Wasser angewiesen blieben, Lurche, die das Meer brauchten, um sich aus ihren Eiern zu entwickeln. (…) Mit diesem Ursprung war mein Bruder als lebendiges Wesen verbunden gewesen, er trug das Alter des Lebens in sich, eine Kette, die zerbrochen war und doch eine Geschichte erzählte, die älter war als diese Kirche, älter als jedes Gebäude, älter als selbst die Berge.“

Ein gigantischer Bogen also, der hier gespannt wird, vielleicht etwas zu gigantisch. Wie in seinem letzten Roman und seinen Theaterstücken aber bleibt sich der Autor treu, indem er lauter existenzielle Fragestellungen in den Raum wirft, auf die er selbst keine Antworten weiß. Und obwohl er selbst, als Autor, dem Prinzip der Arbeit, der Leistung, dem Ehrgeiz – wie er selbst zugibt –  verfallen ist, kritisiert er mit seinem Text die Gesellschaft der Gegenwart, die versucht, alles durch Arbeit zu veredeln: Anstrengung als Voraussetzung für das Gute.

Fragen ohne Antworten, Widersprüche. Kein optimistisches, aber ein nachdenklich stimmendes, schönes, bewegendes Buch. Wenn man sich darauf einlassen kann.

(KubA)

Koala, von Lukas Bärfuss
Wallstein Verlag, Göttingen (2014)
182 Seiten, 19,90 €

 

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