Mahabharata (1989) – Zur Verfilmung von Peter Brook

Sich mit der Verfilmung des Mahabharata zu beschäftigen, ist ein bisschen wie Streunen durch die Welt der Guiness-Bücher: In unseren Breitengraden ist das Werk weitgehend unbekannt, dafür aber umso höher geschätzt von jenen, die sich damit befassen. Die gleichnamige Grundlage für den Film ist das umfangreichste poetische Werk der Weltliteratur; die zeitgleich zur hier besprochenen Inszenierung entstandene Serienverfilmung mit 94 Episoden à 45 Minuten soll die erfolgreichste indische Serie des Fernsehzeitalters sein. Ich stelle mir gerade vor, Peter Jackson verfilmte die Bibel textgetreu und scheitere gleich wieder daran: unvorstellbar, er könnte damit nur annähernd ähnlichen Erfolg haben. Zumindest ist die Bibel als einflussreiches Werk gleichauf mit dem Mahabharata, das vermutlich zwischen 400 vor und nach u. Z. niedergeschrieben wurde (die Geschichten sind mutmaßlich gut 1000 Jahre älter).
Peter Brook, ein sehr einflussreicher britischer Theaterregisseur, arbeitete zusammen mit Jean-Claude Carrière (bekannt als Co-Autor vieler Buñuel-Filme) und Marie-Hélène Estienne 8 Jahre lang am Script zu einer 9-stündigen Theaterfassung des Mahabharata, aus der dann 1989 eine Fernseh-Mini-Serie wurde. Momentan ist nur die 6-stündige-DVD-Fassung erhältlich. Bedauerlicherweise wurde diese nie deutsch synchronisiert oder untertitelt, sodass nur diejenigen Zugang haben, die sattelfest im Englischen sind. So viel zu den Äußerlichkeiten.

Die Voraussetzungen für Brooks Fassung waren ganz objektiv eine Herausforderung: „Was hier gefunden wird, kann woanders auch gefunden werden. Was hier nicht gefunden werden kann, kann nirgends gefunden werden“, steht im ersten Buch des Mahabharata. Vermittelt durch die Geschichte der zwei verwandten, sich bekriegenden Geschlechter der Pandava und der Kaurava werden moralische Probleme, ethische Regeln und kriegsrechtliche Fragen teils unterhaltsam wie in einem Familienepos erörtert. In unzähligen Haupt- und Nebenhandlungen geht es um Taten und Folgen, Ursachen und Wirkungen der Beziehungen der Menschen untereinander und zur Welt (wozu auch das Unsichtbare, Abstrakte gezählt werden muss). Die Aussagen sind widersprüchlich und komplex und dienen doch im indischen Verständnis der Reflexion des eigenen Seins in allen Lebenslagen. Wie gut es Peter Brook gelungen ist, dieser Komplexität gerecht zu werden, ist verständlicherweise umstritten. Die Frage ist, was seine Absicht war, denn bei aller Kritik von indischer Seite, wie sehr er das Original und seine Aussagen verfehlte, hat diese westliche Interpretation sicherlich ihre Berechtigung – zumindest als Fenster zu einer fremden Kultur.
Eine sehr schöne Leserantwort auf den Verriss eines indischen Kritikers argumentiert, dass die Repräsentation anderer Kulturen mit unterschiedlichem Ziel und Erfolg in Museen und anderen kulturellen Einrichtungen (wie dem Film) stattfinde – manche seien Fenster, andere Spiegel. Jene, die als Spiegel fungierten, zeigten die Leute sich selbst, ihre eigene Herkunft, Geschichte und Kultur, und würden meist von denjenigen verstanden und gepriesen, die diese Kultur kennten. Andere Museen und kulturelle Produkte seien wie Fenster, die es den Menschen außerhalb einer Kultur ermöglichten, einen Blick auf die fremde Wirklichkeit zu werfen. Selbstverständlich hätten die Menschen, die zu der abgebildeten/dargestellten Kultur gehörten, das Gefühl, dass etwas fehle, und behaupteten daher, dass die Fremden, die durchs Fenster schauen, etwas Elementares verpassen.

Man kann also Peter Brook den Vorwurf machen, er habe Elemente der Griechischen Tragödie und abendländischer Erzählstrukturen in seine Interpretation eingefügt, indem er die Protagonisten in einer Art schicksalhafter Verstrickung, die auch die Götter nicht auflösen können, interpretiert. Man kann aber auch feststellen, dass für westliche Zuschauer/-innen das Verständnis enorm gesteigert wird, wenn eine Ahnung von Bekanntem vorhanden ist. Und im besten Fall führt diese Ahnung dann zu so viel Interesse, dass eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Stoff folgt, die viele „Missverständnisse“ ausräumt. Der Anspruch Peter Brooks war auch nicht mehr und nicht weniger als eine Interpretation, die zeigt, wie universell die Lehren des Mahabharata sind. Um dies zu verdeutlichen, hat er u.a. einen Cast zusammengestellt, der Schauspieler aus allen Ecken der Welt mit verschiedensten Hautfarben und starken Akzenten im Englischen vereint. Was sich im ersten Moment eher abschreckend liest, funktioniert erstaunlich gut – dadurch dass dies in keinster Weise thematisiert wird. Die Schauspieler füllen ihre Rollen perfekt aus. Sie wirken dank der theatralischen Inszenierung alle ein bisschen überlebensgroß, wie mythologische Figuren, man kommt selten in Versuchung, sie psychologisch verstehen zu wollen. Dasselbe gilt für das Setting und die Effekte, sie werden nie über die Geschichte gestellt, das Wesentliche ist der Phantasie des Zuschauers überlassen. Glücklicherweise, sagt der fantasiebegabteTeil von mir, der auch mit den tschechischen Märchenverfilmungen oft zufriedener ist als mit zeitgenössischen Fantasyverfilmungen. Weniger visuelle Ablenkung durch CGI-Schnickschnack fördert die inhaltliche Wirkung.

(KudV)

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