Synecdoche, New York (2008)

Synechdoche

Zu: Charlie Kaufmann, VSA, 2008. Ausgewiesen als Tragikkomödie, Drehbuch und Mitproduzent ebenfalls C. Kaufmann.

An einem tristen Septembermorgen erwachte Woody Allen in seiner Lieblingsstadt und es war Herbst. Aus dem Radio erklang traurige Musik und traurige Gedichte über die Vergänglichkeit allen Seins ergriffen ihn, und er fühlte sich auf einmal elend und alt. Dabei war er mit seiner neuen Inszenierung „Tod eines Handlungsreisenden“ auf dem besten Weg, denn sein grandioser Einfall, junge Schauspieler die alternden Figuren spielen zu lassen, ließ die Dialektik der Zeit im Spannungsfeld zwischen altem Stück und postmoderner Gesellschaft aufscheinen. Aber er fühlte sich nicht wohl.

Nein, wirklich nicht, er dachte an das Sterben und was er noch vollbringen musste, bevor er gehen konnte, daran, dass er noch nicht den vollkommenen Ausdruck seines Daseins gefunden hatte, nicht einmal seine Tochter konnte die innere Leere, die sich in ihm ausbreitete, wenn er ans Sterben dachte, füllen. Seine Frau schien weit glücklicher, nur er, er wusste nichts mit sich anzufangen vor der Tatsache des Verrinnens dieser armseligen Tage, Stunden, Minuten und Sekunden.
Was nur konnte er tun, um dieses flüchtige Dasein wirklich zu erfassen und der Welt etwas zu geben, das jedem vor Augen führte, was wahre Kunst und damit wahres Leben bedeutete? Das jedem das Elend des sterblichen Künstlers begreiflich machte, in dieser Welt, die sich ihm grau, voller Schmerz und Verlust, Tod und Grausamkeit darbot – sah außer ihm denn niemand, wie furchtbar das Sein in dieser Stadt vom Grauen des Todes überschattet war? Diese Stadt, die ihm alles war, sein Universum, eine kunstvoll menschlich geschaffene Kulisse für die Seele der bewussten Kreativität, ein Ort, an dem Reflexion und Kunst geatmetet wurde, der Zusammenfluss aller Erkenntnisse, die universell und historisch vorhanden waren, das Zentrum denkender Existenz. Cogito, ergo sum – wenn er verginge, hörte das Denken auf und alles Sein.
Über seiner Verzweiflung verging ihm jeglicher Humor, über den Schmerzen vergaß er seine Herkunft und selbst der sinnliche Reiz einer Kartenverkäuferin konnte ihn nicht aus dem Grabesbewusstsein reißen. Er verwandelte sich in Charlie Kaufman.
Und er beschloss, einen Film zu machen.
Einen Film, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte, einen Film, der das Leben war, das Leben der bewusstesten Existenz. Die Schauspieler sollten zur Wirklichkeit werden, Sinnbild für die Umkehrung des Verhältnisses zwischen Welt und Theater, Leben und Tod. Die gespiegelten Figuren sollten sich selbst spielen und ihr Leben zur Bühne machen, während in brennenden Bildern symbolisch das Inferno des Innenlebens derer, die die Avantgarde, die Spitze des künstlerischen Bewusstseins darstellten, gezeigt würde. Es sollte ein Film ohne Zuschauer sein, die ultimative Aussage über die Verlorenheit in einer Kunstwelt, die nichts weiter wollte, als das Sterben zu begreifen und es auszumerzen. Deren existenzielles Zentrum und Lebenssinn die Durchdringung dieses Rätsels war. Seine Einsamkeit würde endlich weichen, die Qual der (scheiternden) Erkenntnis würde erträglich und er fände Frieden für die Ewigkeit.
Und er drehte das Stück. Vielleicht ging es ihm irgendwann nur noch darum, herauszufinden aus dem Labyrinth stilistischer Finessen und metatheoretischer Wendungen, die sich in schwindelerregender Höhe stapelten und durch ein Netz aus Leitsignalen, Symbolen und Referenzen abgesichert waren. Fast verlief er sich selbst.
Schließlich aber hatte er alle Windungen des Labyrinths kartiert und er sprang durch das Netz mitten in den Zerfall seiner Kunstwelt. Figuren starben.
Zum ersten Mal erreichte ihn in seiner Einsamkeit die Tragik anderen Seins: Alles musste sterben. Alle starben.
Seine Mutter war tot. Zurück zu ihr, zu allem, was liebte, fand er im Angesicht des Todes, denn alle waren verbunden in der Gemeinschaft der Sterblichen.
Am Ende war Trost, im Ende erreichte er sich selbst.
Nur das Leben hatte er nie empfunden.
R.i.p., New Yorker Künstler.

(KudV)

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