Über den Unterschied zwischen Solidität und Weltklasse – zwei norddeutsche Orchester an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im Mai

Es ist zugegebenermaßen nicht ganz fair, bei zwei Orchestern mit der Darbietung so derart unterschiedlicher Programme einen Vergleich anzustellen. Wenig wahrscheinlich, dass Paavo Järvi und seine Kammerphilharmoniker aus einem Stück wie Smetanas Heimat-Schinken Magisches herauszuholen in der Lage gewesen wären. Ohnehin fragt sich, ob es sinnvoll ist ein solches Stück um ein paar fraglos schöner Melodien Willen in voller Länge darzubieten. Die Anmerkung meiner Begleitung, das Werk sei ja „nicht sehr subtil“, ist wahrlich untertrieben. Die Lobpreisung von „Böhmens Hain und Flur“ und dessen Mythen wirkt über einen Zeitraum von knapp eineinhalb Stunden doch etwas ermüdend, nach dem 6. Fortissimo-Finale in knapp eineinhalb Stunden wird deutlich, dass die Heraustrennung der fraglos schönen Moldau-Episode aus dem Gesamtzyklus im Konzertrepertoire durchaus ihre Berechtigung hat. Kaum möglich, einem solchen Werk Zweiflerisches, Vieldeutiges zu entlocken. Es würde ja auch niemand von einem Frank Castorf erwarten, aus dem „König der Löwen“ Tiefgründiges herauszuinszenieren. Manche Stücke bieten nun einmal zu wenig Substanz für die ganz große Dirigierkunst. Im Gegensatz dazu die von der Kammerphilharmonie Bremen dargebotene „Große C-Dur“-Sinfonie von Franz Schubert, an der sich schon so manche Orchester und Dirigenten abgearbeitet haben.

Somit ist natürlich nicht auszumachen, ob sich das Hamburger Orchester mit dem selben Programm auf ähnliche Weise empfohlen hätte wie die Kollegen aus Bremen. Der Elan allerdings, die Energie, das Feuer in den Gesichtern der KammerphilharmonikerInnen vermittelt sich dem Zuschauer noch in Reihe 30, während man beim NDR-Orchester in Reihe 2 in zwar konzentrierte und überwiegend freundliche NDR-Sinfoniker-Gesichter blickt, die jedoch nicht den Eindruck erwecken, als sei ihnen das gemeinsame Musizieren eine Herzensangelegenheit. Vielleicht tut man Ihnen Unrecht, mit Sicherheit nehmen sie ihren Job sehr ernst, aber von einem auf das Publikum überspringenden Funken kann eben auch nicht Bericht erstattet werden (Ein Eindruck, der angesichts des doch recht euphorischen Schlussapplauses möglicherweise von einem Großteil des Publikums nicht geteilt wurde).

Ohne Frage ist Thomas Hengelbrock ein recht charismatischer und – auch wenn sich dies nicht ganz unmittelbar mitteilt – intellektueller Dirigent, der sich gut in die Tradition der stets nahmhaften und in seltenen – und zugegebenermaßen länger zurückliegenden – Fällen das Orchester nachhaltig prägenden (Hans Schmidt–Isserstedt, Günter Wand) Maestros einreiht. Für ein Orchester wie die NDR Sinfoniker vielleicht eine Idealbesetzung,  ein etwas kantiger Elan und Esprit sind seine Vorzüge, gepaart mit norddeutscher Bodenständigkeit, zudem eine über das Hamburger Kernrepertoire von Brahms, Beethoven und Bruckner hinausreichende Vorstellung eines musikalischen Kosmos. Doch verkörpert auch dieser in seinem Kapellmeister-Frack mit Fliege eine Art Gegenpol zum legeren, immer präsenten, dabei aber niemals übertrieben oder affektiert agierenden Paavo Järvi. Wenn dieser kurz vor Schluss des letzten Satzes der Schubert-Sinfonie jede gestische Zurückhaltung fahren lässt und mit den Armen unter dem Pult schaufelt, um das Höchstmaß an Spannung aus den 3 x wiederkehrenden Streicher-Tutti-Passagen herauszuholen, die den dramatischen Höhepunkt dieses an Stimmungen so reichen Stückes Musik bilden, ist dies nichts Anderes als absolute Notwendigkeit für das Angestrebte und die Wirkung davon so fesselnd, dass es einen Moment der Besinnung braucht, um die Hände zum Applaus zu regen. Das ist Kunst, das ist die Rechtfertigung für die Darbietung 200 Jahre alter Musik, hier wird ihr Wert aufs Vortrefflichste vorgeführt. Ein Dirigent als Erster unter Gleichen, Orchestermitglied am Pult, eine Idealbesetzung wie sie glücklicher nicht sein könnte. Orchester und Dirigent als Einheit, als Kollektiv, das das gemeinsame Musizieren und die Idee des Musikmachens, die Interpretation der Stücke mit einem Enthusiasmus und intellektueller Schärfe angeht, die aber darüber hinaus auch eine unvergleichliche Freude am gemeinsamen Musizieren demonstrieren, wie es von einem so traditionsreichen, lange gewachsenen Berufsorchester wie den NDR-Sinfonikern vielleicht nicht erwartet werden darf. Letzteres steht für das Solide, die Bremer für das Besondere. Das sehr Besondere, wie an diesem Abend einmal mehr deutlich wurde. (KubA)

06.05.2015, Hamburg. Laeiszhalle. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen • Hilary Hahn, Paavo Järvi
07.05.2015, Hamburg. Laeiszhalle. NDR Sinfonieorchester • Thomas Hengelbrock

Ludwig van Beethoven: Ouvertüre zu »Egmont« op. 84
Henry Vieuxtemps: Konzert für Violine und Orchester Nr. 4 d-Moll op. 31
Zugabe:
Johann Sebastian Bach: Gigue aus Partita Nr. 3 E-Dur BWV 1006 für Violine solo
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Franz Schubert: Symphonie Nr. 8 C-Dur D 944 »Große C-Dur-Symphonie«
Zugabe:
Jean Sibelius: Valse triste op. 44/1 (Kuolema)

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Bedřich Smetana: Má vlast »Mein Vaterland« / Symphonische Dichtung
Bedřich Smetana: Vysehrad
Bedřich Smetana: Vltava »Die Moldau«
Bedřich Smetana: Sárka
Bedřich Smetana: Z ceských luhu a háju »Aus Böhmens Hain und Flur«
Bedřich Smetana: Tábor
Bedřich Smetana: Blaník »Blanik«