Beileidsbeleidigung

Aus gegebenem Anlass, ganz privat und für die vorlliegenden Beitragslücken verantwortlich, ein paar Gedanken über das Bekunden von Beileid. In der noch relevanten analogen Welt gibt es ja trotz gegenteiliger offizieller Bemühungen durch Ärzte und größenwahnsinnige Wissenschaftler (unter Beifall einer Mehrheit hochgradig neurotischer Normalbürger) ernsthafte Versuche, den Tod zu eliminieren oder zumindest weit über das vernünftige Maß hinaus bis zur unumgänglich letzten Sekunde auszublenden. Tritt er dann ein, wird er möglichst schnell ‚beseitigt‘, bei Seite geschoben. Zumindest scheint es nicht mehr üblich, einfache Sätze des Mitgefühls gegenüber betroffenen Freunden oder Bekannten über die Lippen zu zwingen, ganz zu schweigen von echten Kondolenzbriefen, die jüngere Mitmenschen (heutzutage so unter 45) nur noch vom Hörensagen kennen. Das ist schade bis schädlich, denn nichts ist zwischenmenschlicher Wärme und Nähe förderlicher, als die Anteilnahme angesichts unserer aller Gleichheit in der Endlichkeit des Lebens.

Ganz eigenartige Blüten treibt dabei das schnelllebige Pflaster Internet – obwohl es Dinge für die ‚Ewigkeit’ konserviert, zumindest solange sich unsere Daseinsorganisation mit Strom und allem Pipapo aufrechterhalten lässt und nachfolgende Zivilisationen Know-how und Interesse für heute verwendete Datenträger aufbringen. Für die Lebenszeit eines Individuums reicht das Gedächtnis aus kristallinen oder magnetischen Speichermedien jedoch allemal, um von einem digitalen Nachleben über den Tod hinaus ausgehen zu dürfen. Der ruandische Präsident Paul Kagame kam sogar in den zweifelhaften Genuss, sein eigenes Ableben und die Reaktionen in der Netzwelt live mitzuerleben: Er wurde 2013 via Nonsense-Website totgesagt und weil im Nachbarstaat Kongo diese Nachricht äußerst populär war, gelangte das Gerücht binnen Stunden durch Facebook zum Status einer umjubelten Wahrheit. Mit Unterstützung der BBC konnte Kagame seine Lebendigkeit beweisen und damit auch virtuell zurückgewinnen.

Nicht wehren können sich dagegen jene, deren realer Tod zu wilden Spekulationen über den Sterbenshergang führt und makabre Beileidsbezeugungen im Internet nach sich zieht. So wurde beispielsweise der Autounfall des Schauspielers Paul Walker allerortens sofort – in ebenso heuchlerischer Trauer wie feixender Wichtigtuerei – mit überhöhter Geschwindigkeit in Verbindung gebracht und weidlich ausgeschlachtet. An billigen „R.i.p“s fehlte es weder bei Twitter noch auf der Facebooksite des Verblichenen, eine widerwärtige Floskel, die ursprünglich ebenso wie „Wir werden dich nie vergessen“ den engen Verwandten und Hinterbliebenen vorbehalten war, denen normalerweise auch das Beileid gilt. Doch, neue Zeiten, neue Sitten, besonders ungezwungen in einer anonymisierten Öffentlichkeit: Unter den unpersönlichen Mitgefühlsbekundungen gegenüber einem Toten stehen auch Versprechen auf einen posthumen Ruhm: „Heute wird DEIN Tag!“ Als handele es sich beim Sterben um eine episodische Prüfung, deren unbequeme Seiten durch das Feiern des Jahrestages zukünftig in einen Triumph verwandelt werden. Manchmal drängt sich schon die Frage auf: Internet, quo vades?

(KudV)

Anm.: Erweiterter Beitrag des „Internetgerüchts“ im Lüneburger Stadtmagazin Quadrat 02.14