Zwischen Nostalgie und purem Glück – M. Walking On The Water in Bremen

Es war das letzte einer Tour von insgesamt 4 Konzerten und Markus Maria Jansen,   einer der beiden Köpfe von M.Walking On The Water, sagt: „Wir haben mal 50 Konzerte in 52 Tagen gespielt, danach waren wir… total fertig. Morgen werden wir uns genauso fühlen.“ Nun, die Zeit mag nicht ganz spurlos an ihnen vorüber gegangen sein, ihre Spielfreude aber haben sie nicht eingebüßt. Das wird von Beginn an deutlich.

Zur Erinnerung: ein Jahrzehnt lang, von etwa 1985 bis zur Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, repräsentierten sie die unverkrampfte Seite der deutschen ‚Alternative‘-Musikszene, spielten aufgrund der ihre Musik dominierenden Instrumente Akkordeon und Violine irgendwie folkverdächtige Musik, die aber in der Kombination knarzender Gitarren und mal treibender, mal ganz ruhiger und immer wieder im Walzer-Takt daherkommender Stücke in ihrer melancholischen Fröhlichkeit unver-wechselbar und so recht keinem Genre zuzuordnen waren. Bis 1995 veröffentlichten    sie fast jedes Jahr ein neues, von Kritikern und Fans stets euphorisch aufgenommenes Album mit anschließender, ausgiebiger Tournee. Ein unwahrscheinliches Pensum, absolviert von leidenschaftlichen, fast besessenen Musikern, das sich über Jahrzehnte   in einem solchen Maße kaum bewältigen lässt. Allerdings war es wohl weniger die Kondition als vielmehr ein veränderter Zeitgeist und die Ende der 90er Jahre einsetzende Musik-Krise, die immer weniger vorhandene Bereitschaft der Plattenfirmen, Geld in die Hand zu nehmen, die zum Ende der Krefelder M-Truppe führte. 1997 erschien dann noch das kaum beachtete Album „Fis“, ehe sich die Band dann in den vorzeitigen – vorübergehenden – Ruhestand verabschiedete. An den dann folgenden Solo-Veröffentlichungen der Bandmitglieder wurde deutlich, wie unterschiedlich deren musikalische Vorlieben geartet waren. Und wie kongenial sich diese zur unvergleichlichen Einheit M.Walking On The Water vermengten. Auf der einen Seite der sentimentale Feingeist Mike Pelzer, der seinen Lebensmittelpunkt vom Niederrhein in den hohen Norden verlegte und neben der Restaurierung alter Yachten Platten aufnahm, die eben so klangen wie M.Walking On The Water geklungen hätte wenn Markus Maria Jansen, der andere der beiden Chefs, nicht auch ein Wörtchen mitzureden gehabt hätte. Dem nämlich möchte man ein sentimentales Wesen zwar keineswegs absprechen, allerdings äußerte sich dieses auf eher – im besten Sinne – grobschlächtige Art und Weise. Dazu trug schon seine (möglicherweise von Drinks und Zigaretten behutsam gepflegte) Stimme bei. Ein paar hübsche, unüberseh- und hörbar mit viel Herzblut produzierte, schlicht unter dem Namen ‚Jansen‘ veröffentlichte Alben kamen dabei heraus, die in den späten 90ern und frühen Nuller-Jahren leider so wenig Beachtung fanden, dass man diese nicht einmal in den besser sortierten Plattenläden jenseits von Krefeld findet und fand. In kleinen, kaum zur Hälfte gefüllten Clubs, in denen sich mehr Freunde als Neugierige einfanden – professionell beworben geschweige denn besprochen wurden diese Alben nicht mehr oder kaum – gab Jansen seinen ‚Schrägpop mit deutschen Texten‘ zum Besten. Das wiederum klang, wie sollte es anders sein, wie M.Walking On The Water ohne die ausgleichende Sanftheit Mike Pelzers. Wenn man Jansens Konzerte besuchte, war diesem anzumerken, dass die Zeit nach dem – naja – Ruhm nicht einfach war, nicht für einen Kommunikator und Vollblutmusiker wie MMJ, der es stets genoss auf der Bühne zu stehen und sich zu verausgaben. Obwohl er seine musikalischen Vorstellungen mit seinem Jansen-Projekt jetzt vielleicht wie nie zuvor verwirklicht sah, fehlte nun das Forum. Aber er machte immer weiter, schrieb zudem Musik fürs Theater und veröffentlichte noch eine ganze Reihe von Tonträgern. Als ich ihm vor vielen Jahren einmal nach dem Hören der alten M.Walking-Alben (und dem Konsum einiger Flaschen Bier) eine euphorische Postkarte schrieb, in dem ich ihn von der unbedingten Notwendigkeit einer Wiedervereinigung von M.Walking On The Water zu überzeugen versuchte, schrieb dieser zwar prompt zurück, aber die Antwort war ernüchternd: „M. ist ein großes Fragezeichen“. Nichts also sprach dafür, dass es noch einmal zu einer Neuauflage von MWOTW kommen würde. Dann, 2011, nach einigen wenigen schon vorab hier und da gespielten Konzerten in den Jahren zuvor war es endlich soweit – ein neues Album: „Flowers For The Departed“. Man hatte sich tatsächlich noch einmal zusammengefunden, in der alten Besetzung um den Schlagzeuger Martell Beigang, dem Violinisten Axel Ruhland und dem Kontrabassisten Conny Mathieu. Das Werk fand zwar über die einstigen Anhänger der Band hinaus kaum Verbreitung, erhielt aber immerhin deutschlandweit Einzug in die Plattenläden und auf die Playlist des Deutschlandradios, das die Platte zum „Album der Woche“ kürte. Eine Platte, die so zeitlos nach M.Walking On The Water klang, als hätte es die 14 Jahre Pause nicht gegeben und gleichzeitig so frisch daher kam, als sei es das Debütalbum einer gerade erst gegründeten Band.

Da stehen sie nun also wieder auf der Bühne. Dieses Mal erstmals im Bremer ‚Kulturzentrum Lagerhaus‘ und nicht mehr im wesentlich größeren ‚Modernes‘ in der Neustadt. Sei es drum, der Sound ist klar und geht von Beginn an nach vorne los. „Melitaah“ heißt der Opener, einem verrückten Punk-Folk-Stück (wenn auch sich solche Schubladen für diese Musik eigentlich verbieten), ihres ersten Albums, das   (fast) ganz ohne Text auskommt. Es reiht sich Hit an Hit – „Linda Lee“, „Holy Night   Of Rosemarie“, „Misery“ und „Poison“, der wohl kommerziell erfolgreichste Song (ich hörte ihn einst sogar beim Pinkeln auf der Toilette einer spanischen Autobahnraststätte), erschienen auf dem Album „Elysian“ von 1991. Natürlich sind es die frühen Lieder, die das überschaubare (Jansen: „Die Scheinwerfer blenden so, ich kann nur die   1. Reihe erkennen“, Antwort aus dem Auditorium: „Es gibt auch keine 2. Reihe“) aber durchaus begeisterungsfähige Publikum in Verzückung versetzen. Beglückend auch, wie Pelzer in „Pink Pinks“ seine Mundharmonika bearbeitet und sich die Musiker in einen Rausch spielen. Und natürlich darf auch „Party In The Cemetery“ nicht fehlen, der erste „Hit“ der Band, erschienen auf ihrem Debut-Album. Während der jenseits von MWOTW recht erfolgreiche Schlagzeuger Martell Beigang, der im Hauptberuf beim Popstar Sasha und dessen Projekt ‚Dick Brave & The Backbeats‘ trommelt, sein Können in einer Solo- Einlage zum Besten gibt, geht Jansen erstmal an die Bar und trinkt ein Bier, bis er sich schließlich wieder für seine Einlage, zusammen mit Mike, auf der Bühne einfindet. Rücken an Rücken drängen sie sich, mit Akkordeon bzw. Gitarre bewaffnet, von einer Ecke der Bühne auf die andere. Das wurde damals auch schon so (oder so ähnlich – hat Jansen etwa Rücken?) gemacht und zeigt launisch und jenseits aller Instrumenten-Poserei, was man eh schon wusste: dass es sich bei den 5 Musikern nämlich um mehr als passable Musiker handelt. Zur zweiten Zugabe begibt sich die Band dann zum „Dead President’s Waltz“ ins Publikum. Die Zuschauer bilden einen Kreis um die Band und singen und schunkeln gemeinsam im Dreivierteltakt. Leute, die Anfang der 90er um die 20 waren oder damals schon alt, denn MWOTW hatte eine verhältnismäßig breite Zielgruppe (es war immer von Gastspielen in Seniorenheimen die Rede). Auch ein paar Kinder sind anwesend und gucken etwas skeptisch, wie der Mann mit der Gitarre und dem Piratenbart den Kopf in den Nacken legt und aus voller Kehle das Lied von der Band singt, die den Kanzler entführte, in einen „Altbierpool“ stieß und gegen einen verklei- deten Narren austauschte. Alle sind irgendwie glücklich. Natürlich spielt Nostalgie eine Rolle. Und ein bisschen Wehmut. Suchte man damals schon seine Inseln im Meer der immer stupider werdenden und kommerzialisierten Musiklandschaft, so ist die Lage heute kaum besser. Na schön, das Vinyl ist zurück und das Netz ermöglicht die Verbrei- tung von Musik, die einem in dieser Vielfalt früher nicht zugänglich gemacht werden konnte. Aber wirft man einen Blick auf jene Ergüsse, die einen Großteil der Musik-konsumenten binden, so kann sich nur Ernüchterung breitmachen. Die Popmusikkultur ist mehr denn je in den Händen der Unterhaltungsindustrie und lässt den Großteil der Menschheit nicht einmal erahnen, was kulturelle Vielfalt bedeutet. Jenseits des Internets haben es Bands nach wie vor schwer, sich Gehör zu verschaffen und Qualität ist immer weniger in der Lage, sich durchzusetzen.

Aber Lamento sollte eigentlich nicht am Ende des Berichts über dieses wunderbare Konzert stehen. Und es geht weiter – im März steht wieder eine 4-Tage-Tournee an. Wir wollen hoffen, dass sich die Band bis dahin wieder von den Strapazen erholt hat. (KubA)

 M. Walking On The Water, 11.12.2015, Bremen, Lagerhaus

 

Einen Eindruck vom Konzert bekommt man hier: