Zum Tode David Bowies

Ich erinnere mich an eine Reihe von Konzerten. Lübeck 1997, Open Air, mit einer anschließenden Begegnung des Meisters im Backstage-Bereich. Ich sage „Was a great a show“ oder so etwas. Er lächelt freundlich, bedankt sich. Irgendwie nicht von dieser Welt und doch ganz menschlich. Dann Leipzig, im selben Jahr. Festivals, auf denen er mit Bands auftritt, die er alle irgendwie beeinflusst hat. Im selben Jahr das Clubkonzert in Hamburg, Große Freiheit 36. München 2002, Olympiahalle. 2003 dann die letzte Tour, seine längste überhaupt. Hamburg, Hannover. London! Wembley-Arena, ein Heimspiel. Schöne Erinnerungen.

Bowie, eines dieser Vorbilder, die einem den Weg zum Erwachsenwerden erträglicher gemacht haben. Zu einem Zeitpunkt, als der seine größten Erfolge bereits hinter sich gehabt hat. Gleich mehrere Generationen zu beglücken, und zwar nicht mit der immer gleichen, sondern immer neuer Musik, das schaffen nicht viele.

Die Künstler sind groß, die nicht nur in einem Genre zuhause sind, alles aufsaugen und sich für alles interessieren und alles in ihre Arbeit, die ganze Welt in ihre Kunst einfließen lassen. Der Künstler als Gesamtkunstwerk. Sich des Vorausgegangenen bewusst, aber schon in die Zukunft denkend, niemals stehenbleiben. Immer am Puls der Zeit, ohne dass es gezwungen daher kommt. Der Hang zur Selbstinszenierung nie als Mittel zum Zweck, die innere Zerrissenheit als Triebfeder. Und stets dieses Interesse für das Jenseitige, das Uneindeutige, das Plakative allenfalls ironisch ummäntelt. David Bowie war der Richard Wagner unserer Zeit. Nur etwas sympathischer.

Ein Ableben, das zu seinem Leben zu passen scheint: nur zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag, zwei Tage nach Erscheinen seines letzten Albums der plötzliche, für alle überraschende Tod. Ein düsteres Album als Abschiedsgeschenk. Ein letztes Video, das einen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der Künstler auf seinem Sterbebett, mit verbundenen Augen, sich immer wieder aufbäumend: „Look up here, I’m in heaven, I’ve got scars that can’t be seen“. Ein zweiter Bowie tritt aus einem Schrank heraus neben sein Bett und kritzelt nervös Sachen auf Papier, während unter seinem Bett ein menschliches (?) Wesen lauert. Dazu unendlich traurige Töne eines Saxophons. Doch es endet tröstlich: „Oh, I’ll be free, just like that bluebird, oh I’ll be free, ain’t that just like me“. Was für ein Abgang.

Der tief betrübte Fan kann sich immerhin noch eine Weile an seinem umfangreichen künstlerischen Erbe abarbeiten. Das verheißt viel Freude, viel Erkenntnis und Inspiration. Große Kunst eben. Doch bleibt man auch ein bisschen desillusioniert zurück – denn wem, wenn nicht ihm hätte man die Unsterblichkeit zugetraut. Das Jahr 2016 beginnt mit einer Ernüchterung. (KubA)

 

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Beileidsbeleidigung

Aus gegebenem Anlass, ganz privat und für die vorlliegenden Beitragslücken verantwortlich, ein paar Gedanken über das Bekunden von Beileid. In der noch relevanten analogen Welt gibt es ja trotz gegenteiliger offizieller Bemühungen durch Ärzte und größenwahnsinnige Wissenschaftler (unter Beifall einer Mehrheit hochgradig neurotischer Normalbürger) ernsthafte Versuche, den Tod zu eliminieren oder zumindest weit über das vernünftige Maß hinaus bis zur unumgänglich letzten Sekunde auszublenden. Tritt er dann ein, wird er möglichst schnell ‚beseitigt‘, bei Seite geschoben. Zumindest scheint es nicht mehr üblich, einfache Sätze des Mitgefühls gegenüber betroffenen Freunden oder Bekannten über die Lippen zu zwingen, ganz zu schweigen von echten Kondolenzbriefen, die jüngere Mitmenschen (heutzutage so unter 45) nur noch vom Hörensagen kennen. Das ist schade bis schädlich, denn nichts ist zwischenmenschlicher Wärme und Nähe förderlicher, als die Anteilnahme angesichts unserer aller Gleichheit in der Endlichkeit des Lebens.

Ganz eigenartige Blüten treibt dabei das schnelllebige Pflaster Internet – obwohl es Dinge für die ‚Ewigkeit’ konserviert, zumindest solange sich unsere Daseinsorganisation mit Strom und allem Pipapo aufrechterhalten lässt und nachfolgende Zivilisationen Know-how und Interesse für heute verwendete Datenträger aufbringen. Für die Lebenszeit eines Individuums reicht das Gedächtnis aus kristallinen oder magnetischen Speichermedien jedoch allemal, um von einem digitalen Nachleben über den Tod hinaus ausgehen zu dürfen. Der ruandische Präsident Paul Kagame kam sogar in den zweifelhaften Genuss, sein eigenes Ableben und die Reaktionen in der Netzwelt live mitzuerleben: Er wurde 2013 via Nonsense-Website totgesagt und weil im Nachbarstaat Kongo diese Nachricht äußerst populär war, gelangte das Gerücht binnen Stunden durch Facebook zum Status einer umjubelten Wahrheit. Mit Unterstützung der BBC konnte Kagame seine Lebendigkeit beweisen und damit auch virtuell zurückgewinnen.

Nicht wehren können sich dagegen jene, deren realer Tod zu wilden Spekulationen über den Sterbenshergang führt und makabre Beileidsbezeugungen im Internet nach sich zieht. So wurde beispielsweise der Autounfall des Schauspielers Paul Walker allerortens sofort – in ebenso heuchlerischer Trauer wie feixender Wichtigtuerei – mit überhöhter Geschwindigkeit in Verbindung gebracht und weidlich ausgeschlachtet. An billigen „R.i.p“s fehlte es weder bei Twitter noch auf der Facebooksite des Verblichenen, eine widerwärtige Floskel, die ursprünglich ebenso wie „Wir werden dich nie vergessen“ den engen Verwandten und Hinterbliebenen vorbehalten war, denen normalerweise auch das Beileid gilt. Doch, neue Zeiten, neue Sitten, besonders ungezwungen in einer anonymisierten Öffentlichkeit: Unter den unpersönlichen Mitgefühlsbekundungen gegenüber einem Toten stehen auch Versprechen auf einen posthumen Ruhm: „Heute wird DEIN Tag!“ Als handele es sich beim Sterben um eine episodische Prüfung, deren unbequeme Seiten durch das Feiern des Jahrestages zukünftig in einen Triumph verwandelt werden. Manchmal drängt sich schon die Frage auf: Internet, quo vades?

(KudV)

Anm.: Erweiterter Beitrag des „Internetgerüchts“ im Lüneburger Stadtmagazin Quadrat 02.14

Die Katzenfalle – Catcontent im Internet

Schonmal beim Shoppen im Netz bei einem Katzenfilmchen hängen geblieben? Zwei Stunden und 14 nette Delfin-Katze-, Schidkröte-Katze-, Katze-Katze-, Katze-Hund-, Katze-zuhaus-, Katze-schläft/trinkt/rutscht/springt/fällt-um-Videos später zu der Erkenntnis gekommen, dass Katzen auf Bildern glücklicher machen als alle vielbeworbenen rutschfesten Badeshorts in Händen? Willkommen im Club. Das geht nicht nur Ihnen so. 2011 schöpfte die kanadische Werbeagentur John St. den Begriff „Catvertising“ und ersetzte in einem (leicht ironischen) Selbstvermarktungsvideo, in dem selbstverständlich zahlreiche vierbeinige Schönheiten durchs Bild stolzieren, alle „Ad“-Worte durch „Cat“. Wie nicht anders zu erwarten, hatte das Filmchen innerhalb kürzester Zeit Millionen Klicks und bewies, wie „Katzencontent“ als Werbestrategie funktioniert. Internetbeiträge mit Katze verbreiten sich über die sozialen Medien schneller und weiter als alles andere.

Was demnach der Automobilindustrie der Elchtest, ist dem Onlinemarketing der Katzentest. Schafft es eine Werbekampagne, sich bei ihren potenziellen Kunden gegenüber einem Katzenbeitrag zu behaupten? Eine wahre Herausforderung – da schien die Idee der Grünen konsequent, in einer frühen Phase des Europawahlkampfs 2014 gleich Wahlplakate für die Netzwelt mit Katzen zu bestücken. Natürlich sollte damit lediglich der sinkenden Wahlbeteiligung entgegengewirkt werden; als ob die Wähler von Katzen hypnotisiert automatisch zur Urne schritten …

Wobei. Im unendlichen Feld der Verschwörungstheorien hat die These, und dies ist kein Gerücht, Katzen hätten das Internet erfunden, Tradition. Wie alle Internetnutzer (und Dosenöffner) wissen, sind Katzen auf die Weltherrschaft aus; ihr Geschick, uns um den Finger zu wickeln, haben sie dazu problemlos ins Netzuniversum überführt. Die Frage bleibt nur: Warum und wozu? Eine mögliche Antwort gibt die Bibel aus Katzensicht unter http://www.lolcatbible.com. Die Suche nach weiteren Erklärungen gestaltete sich schwierig, jeder Versuch endete … Sie wissen schon, wo.

(KudV)

Schlandanien zur Weihnachtszeit

Es ist Advent. Wir leben in einer deutschen Stadt mit nicht weniger als vier Weihnachtsmärkten und einer Kulisse, die Coca-Cola eigens für die Jahreszeit erfunden hat. Außerdem ist für die rege Chorszene des Hansestädtchens Hochsaison – alle singen fürs Adventsgefühl. Wir auch, dachten 8 kleine Chorsängerinnen und -sänger. Zuerst auf dem historischen Weihnachtsmarkt vor der mächtigen Michaeliskirche, der allerdings nur bis Sonntag, 17 Uhr, geht. Wir können aber erst Sonntag ab 16 Uhr. Lohnt es sich, für eine Stunde Kostüme zu leihen? Muss man das? Dürfen wir auch ohne Kostüm moderne Lieder vortragen? Lieber mal nachfragen. Zuständig ist ein Verein, der sich dem Erhalt der historischen Altstadt (also dem Senkungsgebiet der Alt-Altstadt, nicht des Patrizierteils) verschrieben hat. Ein Anruf, zwei Anrufe, drei Anrufe – nur ein AB mit Notfallnummer. Nun, ein Notfall ist das nicht gerade … Keine Reaktion auf die Rückrufbitte.

Wurscht, es gibt ja noch den Rathausmarkt und die Fuzo und den St.Johannis-Markt. Die Lüneburg Marketing GmbH (Privatisierung ahoi) hat ihre Finger garantiert in der Rathausweihnachtsmarkttouristenfalle mit drin und die Rufnummer ist auch noch kostenfrei. Es geht eine Dame von der Touri-Info ran, ob sie im Rathaus sitzt, ist nicht erkenntlich, aber sie erklärt mir, wer der zuständige Ordnungshüter für die Beschallung auf dem Rathausweihnachtsmarkt ist. Herr B. ist zunächst nicht erreichbar (womöglich war es nach 16 Uhr), aber einen Tag später erwische ich ihn:
Also vor dem Trompeter vom Rathausbalkon und der Übertragung eines Chores aus dem Karstadtfenster zum Markt sei das vielleicht etwas zu viel und zu knapp.
Offiziell geht hier nichts, denn schließlich ist das Programm festgelegt und die Bewerbungsphase längst abgeschlossen – für nächstes Jahr dürfen wir uns aber
gerne …
Danke. Wir wollen aber doch nur 15 Minuten ohne elektrische Verstärkung an einer Ecke … eine Stunde früher … wenigstens am Rand zu Fußgängerzone?
Na, das sei Straßenmusik und für Straßenmusik ist der Herr M. vom Ordnungsamt zuständig, da könne er nichts sagen. Aber er verbinde gerne weiter, die Durchwahl … Das mit dem Verbinden hat nicht geklappt.
Unter der Durchwahl ging Herr M. aber prompt ran.

– Wie, Sie wollen am Sonntag wie die Schüler in der Fuzo Musik machen? Nee, das geht nicht, wir haben noch nie an einem Sonntag eine Erlaubnis erteilt …
– Aber, wage ich vorsichtig einzuwenden, der Weihnachtsmarkt ist doch geöffnet und Herr B. meinte, es störe ihn nun nicht, wenn wir an der Grenze zur Fuzo kurz singen.
– Ja, nein, also was Sie da machen wollen, ist Straßenmusik und die Stadt hat vor Jahren beschlossen, dass an Sonntagen nichts dergleichen zugelassen ist.
– Aha. Und … Noch bevor ich den Satz beende, ergänzt er:
– Samstags ist was anderes, aber an den Adventssamstagen ist das Singen auch verboten, wegen Überfüllung der Fuzo.

So ganz offizi- sowie generell.
Ja, wo kämen wir denn in Schlandanien hin, wenn der Weihnachtsgeschäftsrummel von nichtkommerziellen Weihnachtsklängen gestört würde. Für einen kurzen Moment taumele ich nach diesem Ordnungshammer, fange mich aber und wage einen neuen Vorstoß:
– Aber es ging doch um den Weihnachtsmarkt.
Dazu könne er nichts sagen, dafür sei er nicht zuständig, sondern der Herr B.
– Ja, aber, der …
Wenn der das nicht wisse, dann vielleicht der Herr Sch. vom Schaustellerverband der Stadt.
– Oh, können Sie mir dann vielleicht auch sagen, wie das mit dem St.Johannis-Markt ist?
– Da müssen Sie bei Lüneburg Marketing …
– Hab ich schon, die meinten, Sie wüssten das.
– Ne, der ist wohl privat, hab ich mal gehört, das ist das Gelände der Johannisgemeinde und die vermieten das nach Hamburg. Das müssen Sie direkt dort fragen.
– Wissen Sie zufällig den Ansprechpartner, eine Nummer, auch von Herrn Sch. vom Schaustellerverband?
Nummern habe er nicht … Internet … Schönen Tag.

Frohe Weihnachten.

Der Herr Sch. vom Schaustellerverband ist nicht googlebar, also muss der Schaustellerverband allein herhalten. Tatsächlich, ein Eintrag, niemand erreichbar. Ein Formular ohne Verschlüsselung und mit diesem dämlichen Codefenster, das natürlich abgestürzt ist. Aber ich weiß Bescheid und habe alles in die Zwischenablage kopiert, im zweiten Anlauf klappt’s. Mal sehen, ob der Herr Sch. jemals Nachrichten liest, wenn er doch einen ganzen Weihnachtsmarkt unter seiner Fuchtel hat.

Die Johanniskirche hat einen schönen Internetauftritt mit allen Informationen, die man so braucht, um sich weiter durchzufragen. Telefonisch erreichbar 8 bis 12 Uhr. Es ist 12:06 Uhr. Ich probiere es nicht, sondern fülle ein weiteres Internetformular ohne Verschlüsselung mit meinem kompletten Datensatz aus.

Wer glaubt, Weihnachten seien die Hüter der heiligen Ordnung schlandanischer Nation faul, ist hiermit widerlegt. Wie hoch wohl die Strafe ausfällt, wenn wir im Advent auf einem Weihnachtsmarkt Weihnachtslieder umsonst zum Besten geben? Wenn wir uns trauen.

Aber der Herr Sch. liest seine Benachrichtigungen. Diese Aussicht auf ein Abenteuer vernichtend, lag von ihm höchstpersönlich die freundliche Genehmigung eine halbe Stunde später vor. Wir müssen uns also nicht trauen, wir dürfen singen. Dem Schaustellerverband sei Dank.

(KudV)

Willkommen in der kamerafreien Zone

Katzenphilosophin und deutsches Völkergemisch (KudV) meets Kulturjunkie und bahnfahrenden Archäologen (KubA) – hier verbinden sich über die Liebe zum Haselnußschnaps Kulturfetischisten aus dem Großraum Hamburg. Fehler sind beabsichtigt und Sinn hinter der nächsten Ecke. Manchmal sind wir jedoch auch brav, bewegt und verständlich. Dann haben wir wahrscheinlich gerade einen neuen göttlichen Geist entdeckt, gebannt in die Flasche (siehe „Geistvolles“).