Krautinger – ein ganz spezieller Trank aus dem Tiroler Land

Diese Rubrik, „Geistvolles“ – man muss es so sagen – ist bislang auf das Schändlichste vernachlässigt worden. Von Schnaps-Tests war die Rede, Rankings, Empfehlungen – nichts von alldem ist bislang in die Tat umgesetzt worden. Der bahnfahrende Archäologe will keineswegs seine Mitverantwortung leugnen. Allerdings, wie soll man etwa einen einigermaßen repräsentativen Haselnussschnapstest durchführen, wenn einer der beiden Teilnehmer schon nach der dritten Verkostung die Segel streicht. Kann jemand, dessen Fahrtüchtigkeit auf nicht motorisierten Fahrzeugen bereits nach, sagen wir… vier halben Schnäpsen erheblichst eingeschränkt ist, noch mit dem Gaumen ermitteln, ob Haselnuss D einen geschmeidigeren Abgang hatte als Haselnuss B? Ob Haselnuss A wirklich pelziger am Zungenboden haftete als Haselnuss C. Und was ist mit Haselnuss G, H, I oder etwa… Y? Es gibt eine Menge guter Tropfen. Die Katzenphilosophin mag mich nun schelten, mir vorwerfen, ich würde Klischees von trinkfesten Mannen und nix vertragenden Weibsbildern bedienen. Fest steht, dass diese Rubrik bislang leer war und etwas passieren musste. Und deshalb hat sich der nicht nur kulturbeflissene, sondern auch kulinarischen Genüssen zugeneigte bahnfahrende Archäologe – um einen späten Anfang zu machen – auf ein, somit rein subjektives, Experiment eingelassen und sich einen Schnaps im Selbst- und Einzeltest vorgenommen.
Es handelt sich um eine Rarität aus dem nordöstlichen Tiroler Alpenland, einem Erholungsgebiet für im Sommer vorwiegend deutsche sowie im Winter englische und russische (Letztere tendenziell abnehmend – die Weltlage!) Wintersport-Touristen.
„Krautinger“ heißt das Gesöff, hergestellt aus der Weißen Stoppelrübe. Das Monopol zur Herstellung dieses Schnapses, dem sogenannten Krautingerbrennen, wurde den Bauern in der Wildschönau bereits von Kaiserin Maria Theresia verliehen, weil die Bergbauern in diesem Hochtal sehr arm waren. Das Dekret der Kaiserin sollte das ausgleichen. Mittlerweile produzieren von den anfänglich über 50 nur noch ungefähr 16 Brennereien regelmäßig oder gelegentlich den Krautinger. Man bekommt ihn in den hiesigen Wirtshäusern und Geschäften und er ist keineswegs preisgünstig, kein Billig- Destillat für den gemeinen Party-Touristen oder Doppelkorn-Ersatz für den deutschen Urlauber fernab der Heimat, eher etwas Besonderes für Leute mit Mumm in den Knochen! Und… Hornhaut auf dem Gaumen? Der populärste Pub der Region etwa trägt seinen Namen nach der Rübe – „Turnip Inn“. Und in der Getränkekarte steht neben dem Rübenschnaps geschrieben: „if you dare“ – wenn du dich traust. Dieser Zusatz nimmt wohl weniger Bezug auf eine verheerende Wirkung als Folge seines Genusses, sondern eher auf den, nun ja, ungewöhnlichen Geschmack. Vom Preis her eine Spezialität, wird er von den Touristen eher als eine Art Kult-Getränk konsumiert, das zwar unausstehlich schmeckt, aber für den dem Schnapskonsum zugeneigten Urlauber in der Wildschönau irgendwie dazugehört – ob nun unter Selbstüberwindung oder einem tatsächlich irgendwie empfundenen Genussgefühl. Bei wikipedia heißt es: „Der Krautinger wird von seinen Anhängern auch als eine wirksame Medizin bei Magenverstimmungen bezeichnet, er wird in der Wildschönau jedoch auch ‚so‘ getrunken. Für viele ist aber bereits der Geruch so ungewöhnlich, dass die wenigsten überhaupt ein Stamperl verkosten wollen.“ (Stamperl = Schnapsglas, Anm. des KubA). Nun, die erste Nase ist tatsächlich ungewöhnlich. Ein auf Birne, Zwetschge, Quitte oder Marille zum Abschluss eines schönen Essens eingestelltes Geruchsorgan dürfte hier zunächst erst einmal verstört reagieren. Was ist das? Vergorenes Sauerkraut? Ich fühle mich an Brottrunk erinnert, jenem heute noch immer erhältlichen und angeblich und mit Sicherheit urgesunden Getränk auf Vollkornsauerteigbrotbasis, das – dieses Forum hat sich nicht auf die Fahnen geschrieben frei von Vorurteilen zu sein – vorwiegend von Menschen konsumiert wird, die auf recht humorlose Art 100 Jahre alt werden wollen.
Der erste Schluck. Ich schaue beim Trinken zwar nicht in den Spiegel, habe aber eine recht konkrete Vorstellung von meiner Mimik. So in etwa stelle ich mir die Bowle vor, die der Comedian Erwin Pelzig in seiner Sendung („Pelzig hält sich“) seinen Gästen kredenzt. Jene allerdings soll angeblich alkoholfrei sein. Hier aber ist Alkohol drin (ca. 40 %) und das ist zunächst das einzig Positive, das es über diesen Schluck zu sagen gibt. So mag Medizin schmecken, die auch tatsächlich wirkt. Aber Genuss? Der zweite Anschein ist allerdings schon weit weniger abgeneigt. Es ist zumindest etwas Besonderes, nie zuvor hat man so etwas geschmeckt und der milde, weiche Abgang verrät, dass es sich keinesfalls um einen billigen Brand handelt. Dennoch, ein zweites Stamperl möchte man nicht unbedingt kosten. Das geleerte Glas fühlt sich gut an. Vielleicht morgen noch eines, aber nur vielleicht, denn es gibt ja auch wunderbare Obstbrände in dieser Gegend, und für den Preis, den ein solcher Rübenschnaps kostet, bekommt man hier von jener Art schon Beträchtliches. Als Digestiv nach einem deftigen Tiroler Essen kann man sich an die destillierte Stoppelrübe nicht nur gewöhnen, sondern ihr auch Delikates abgewinnen.
Fazit: Wer einmal in der wunderschönen Wildschönau im wunderschönen Tiroler Land zu Gast ist, sollte sich auf keinen Fall die Gelegenheit entgehen lassen, diese destillierte Super-Rübe an ihrem Ursprungsort – ob in Niederau, Oberau, Auffach oder im Alpbachtal – zu probieren. Und noch einmal über deren Geschichte nachzulesen. Maria Theresia, die armen Bergbauern, usw. Wer aber daheim, in der Holsteinischen Schweiz, der Lüneburger Südheide oder im östlichen Nordfriesland, anfängt, den Krautinger dem 20 Jahre alten Single Malt aus dem Schottischen Hochland vorzuziehen, dem ist wohl doch mit einiger Skepsis zu begegnen. Aber das ist einigermaßen unwahrscheinlich.
Mal abwarten, was die Katzenphilosophin dazu sagt. Einen wird sie wohl vertragen können. Wenn die Nase dem Gaumen noch die Chance gibt. (KubA)

Weiterführende Info unter:
http://www.wildschoenau.com/de/wildschoenauer-krautinger

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Willkommen in der kamerafreien Zone

Katzenphilosophin und deutsches Völkergemisch (KudV) meets Kulturjunkie und bahnfahrenden Archäologen (KubA) – hier verbinden sich über die Liebe zum Haselnußschnaps Kulturfetischisten aus dem Großraum Hamburg. Fehler sind beabsichtigt und Sinn hinter der nächsten Ecke. Manchmal sind wir jedoch auch brav, bewegt und verständlich. Dann haben wir wahrscheinlich gerade einen neuen göttlichen Geist entdeckt, gebannt in die Flasche (siehe „Geistvolles“).