Zwischen Nostalgie und purem Glück – M. Walking On The Water in Bremen

Es war das letzte einer Tour von insgesamt 4 Konzerten und Markus Maria Jansen,   einer der beiden Köpfe von M.Walking On The Water, sagt: „Wir haben mal 50 Konzerte in 52 Tagen gespielt, danach waren wir… total fertig. Morgen werden wir uns genauso fühlen.“ Nun, die Zeit mag nicht ganz spurlos an ihnen vorüber gegangen sein, ihre Spielfreude aber haben sie nicht eingebüßt. Das wird von Beginn an deutlich.

Zur Erinnerung: ein Jahrzehnt lang, von etwa 1985 bis zur Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, repräsentierten sie die unverkrampfte Seite der deutschen ‚Alternative‘-Musikszene, spielten aufgrund der ihre Musik dominierenden Instrumente Akkordeon und Violine irgendwie folkverdächtige Musik, die aber in der Kombination knarzender Gitarren und mal treibender, mal ganz ruhiger und immer wieder im Walzer-Takt daherkommender Stücke in ihrer melancholischen Fröhlichkeit unver-wechselbar und so recht keinem Genre zuzuordnen waren. Bis 1995 veröffentlichten    sie fast jedes Jahr ein neues, von Kritikern und Fans stets euphorisch aufgenommenes Album mit anschließender, ausgiebiger Tournee. Ein unwahrscheinliches Pensum, absolviert von leidenschaftlichen, fast besessenen Musikern, das sich über Jahrzehnte   in einem solchen Maße kaum bewältigen lässt. Allerdings war es wohl weniger die Kondition als vielmehr ein veränderter Zeitgeist und die Ende der 90er Jahre einsetzende Musik-Krise, die immer weniger vorhandene Bereitschaft der Plattenfirmen, Geld in die Hand zu nehmen, die zum Ende der Krefelder M-Truppe führte. 1997 erschien dann noch das kaum beachtete Album „Fis“, ehe sich die Band dann in den vorzeitigen – vorübergehenden – Ruhestand verabschiedete. An den dann folgenden Solo-Veröffentlichungen der Bandmitglieder wurde deutlich, wie unterschiedlich deren musikalische Vorlieben geartet waren. Und wie kongenial sich diese zur unvergleichlichen Einheit M.Walking On The Water vermengten. Auf der einen Seite der sentimentale Feingeist Mike Pelzer, der seinen Lebensmittelpunkt vom Niederrhein in den hohen Norden verlegte und neben der Restaurierung alter Yachten Platten aufnahm, die eben so klangen wie M.Walking On The Water geklungen hätte wenn Markus Maria Jansen, der andere der beiden Chefs, nicht auch ein Wörtchen mitzureden gehabt hätte. Dem nämlich möchte man ein sentimentales Wesen zwar keineswegs absprechen, allerdings äußerte sich dieses auf eher – im besten Sinne – grobschlächtige Art und Weise. Dazu trug schon seine (möglicherweise von Drinks und Zigaretten behutsam gepflegte) Stimme bei. Ein paar hübsche, unüberseh- und hörbar mit viel Herzblut produzierte, schlicht unter dem Namen ‚Jansen‘ veröffentlichte Alben kamen dabei heraus, die in den späten 90ern und frühen Nuller-Jahren leider so wenig Beachtung fanden, dass man diese nicht einmal in den besser sortierten Plattenläden jenseits von Krefeld findet und fand. In kleinen, kaum zur Hälfte gefüllten Clubs, in denen sich mehr Freunde als Neugierige einfanden – professionell beworben geschweige denn besprochen wurden diese Alben nicht mehr oder kaum – gab Jansen seinen ‚Schrägpop mit deutschen Texten‘ zum Besten. Das wiederum klang, wie sollte es anders sein, wie M.Walking On The Water ohne die ausgleichende Sanftheit Mike Pelzers. Wenn man Jansens Konzerte besuchte, war diesem anzumerken, dass die Zeit nach dem – naja – Ruhm nicht einfach war, nicht für einen Kommunikator und Vollblutmusiker wie MMJ, der es stets genoss auf der Bühne zu stehen und sich zu verausgaben. Obwohl er seine musikalischen Vorstellungen mit seinem Jansen-Projekt jetzt vielleicht wie nie zuvor verwirklicht sah, fehlte nun das Forum. Aber er machte immer weiter, schrieb zudem Musik fürs Theater und veröffentlichte noch eine ganze Reihe von Tonträgern. Als ich ihm vor vielen Jahren einmal nach dem Hören der alten M.Walking-Alben (und dem Konsum einiger Flaschen Bier) eine euphorische Postkarte schrieb, in dem ich ihn von der unbedingten Notwendigkeit einer Wiedervereinigung von M.Walking On The Water zu überzeugen versuchte, schrieb dieser zwar prompt zurück, aber die Antwort war ernüchternd: „M. ist ein großes Fragezeichen“. Nichts also sprach dafür, dass es noch einmal zu einer Neuauflage von MWOTW kommen würde. Dann, 2011, nach einigen wenigen schon vorab hier und da gespielten Konzerten in den Jahren zuvor war es endlich soweit – ein neues Album: „Flowers For The Departed“. Man hatte sich tatsächlich noch einmal zusammengefunden, in der alten Besetzung um den Schlagzeuger Martell Beigang, dem Violinisten Axel Ruhland und dem Kontrabassisten Conny Mathieu. Das Werk fand zwar über die einstigen Anhänger der Band hinaus kaum Verbreitung, erhielt aber immerhin deutschlandweit Einzug in die Plattenläden und auf die Playlist des Deutschlandradios, das die Platte zum „Album der Woche“ kürte. Eine Platte, die so zeitlos nach M.Walking On The Water klang, als hätte es die 14 Jahre Pause nicht gegeben und gleichzeitig so frisch daher kam, als sei es das Debütalbum einer gerade erst gegründeten Band.

Da stehen sie nun also wieder auf der Bühne. Dieses Mal erstmals im Bremer ‚Kulturzentrum Lagerhaus‘ und nicht mehr im wesentlich größeren ‚Modernes‘ in der Neustadt. Sei es drum, der Sound ist klar und geht von Beginn an nach vorne los. „Melitaah“ heißt der Opener, einem verrückten Punk-Folk-Stück (wenn auch sich solche Schubladen für diese Musik eigentlich verbieten), ihres ersten Albums, das   (fast) ganz ohne Text auskommt. Es reiht sich Hit an Hit – „Linda Lee“, „Holy Night   Of Rosemarie“, „Misery“ und „Poison“, der wohl kommerziell erfolgreichste Song (ich hörte ihn einst sogar beim Pinkeln auf der Toilette einer spanischen Autobahnraststätte), erschienen auf dem Album „Elysian“ von 1991. Natürlich sind es die frühen Lieder, die das überschaubare (Jansen: „Die Scheinwerfer blenden so, ich kann nur die   1. Reihe erkennen“, Antwort aus dem Auditorium: „Es gibt auch keine 2. Reihe“) aber durchaus begeisterungsfähige Publikum in Verzückung versetzen. Beglückend auch, wie Pelzer in „Pink Pinks“ seine Mundharmonika bearbeitet und sich die Musiker in einen Rausch spielen. Und natürlich darf auch „Party In The Cemetery“ nicht fehlen, der erste „Hit“ der Band, erschienen auf ihrem Debut-Album. Während der jenseits von MWOTW recht erfolgreiche Schlagzeuger Martell Beigang, der im Hauptberuf beim Popstar Sasha und dessen Projekt ‚Dick Brave & The Backbeats‘ trommelt, sein Können in einer Solo- Einlage zum Besten gibt, geht Jansen erstmal an die Bar und trinkt ein Bier, bis er sich schließlich wieder für seine Einlage, zusammen mit Mike, auf der Bühne einfindet. Rücken an Rücken drängen sie sich, mit Akkordeon bzw. Gitarre bewaffnet, von einer Ecke der Bühne auf die andere. Das wurde damals auch schon so (oder so ähnlich – hat Jansen etwa Rücken?) gemacht und zeigt launisch und jenseits aller Instrumenten-Poserei, was man eh schon wusste: dass es sich bei den 5 Musikern nämlich um mehr als passable Musiker handelt. Zur zweiten Zugabe begibt sich die Band dann zum „Dead President’s Waltz“ ins Publikum. Die Zuschauer bilden einen Kreis um die Band und singen und schunkeln gemeinsam im Dreivierteltakt. Leute, die Anfang der 90er um die 20 waren oder damals schon alt, denn MWOTW hatte eine verhältnismäßig breite Zielgruppe (es war immer von Gastspielen in Seniorenheimen die Rede). Auch ein paar Kinder sind anwesend und gucken etwas skeptisch, wie der Mann mit der Gitarre und dem Piratenbart den Kopf in den Nacken legt und aus voller Kehle das Lied von der Band singt, die den Kanzler entführte, in einen „Altbierpool“ stieß und gegen einen verklei- deten Narren austauschte. Alle sind irgendwie glücklich. Natürlich spielt Nostalgie eine Rolle. Und ein bisschen Wehmut. Suchte man damals schon seine Inseln im Meer der immer stupider werdenden und kommerzialisierten Musiklandschaft, so ist die Lage heute kaum besser. Na schön, das Vinyl ist zurück und das Netz ermöglicht die Verbrei- tung von Musik, die einem in dieser Vielfalt früher nicht zugänglich gemacht werden konnte. Aber wirft man einen Blick auf jene Ergüsse, die einen Großteil der Musik-konsumenten binden, so kann sich nur Ernüchterung breitmachen. Die Popmusikkultur ist mehr denn je in den Händen der Unterhaltungsindustrie und lässt den Großteil der Menschheit nicht einmal erahnen, was kulturelle Vielfalt bedeutet. Jenseits des Internets haben es Bands nach wie vor schwer, sich Gehör zu verschaffen und Qualität ist immer weniger in der Lage, sich durchzusetzen.

Aber Lamento sollte eigentlich nicht am Ende des Berichts über dieses wunderbare Konzert stehen. Und es geht weiter – im März steht wieder eine 4-Tage-Tournee an. Wir wollen hoffen, dass sich die Band bis dahin wieder von den Strapazen erholt hat. (KubA)

 M. Walking On The Water, 11.12.2015, Bremen, Lagerhaus

 

Einen Eindruck vom Konzert bekommt man hier:

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Über den Unterschied zwischen Solidität und Weltklasse – zwei norddeutsche Orchester an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im Mai

Es ist zugegebenermaßen nicht ganz fair, bei zwei Orchestern mit der Darbietung so derart unterschiedlicher Programme einen Vergleich anzustellen. Wenig wahrscheinlich, dass Paavo Järvi und seine Kammerphilharmoniker aus einem Stück wie Smetanas Heimat-Schinken Magisches herauszuholen in der Lage gewesen wären. Ohnehin fragt sich, ob es sinnvoll ist ein solches Stück um ein paar fraglos schöner Melodien Willen in voller Länge darzubieten. Die Anmerkung meiner Begleitung, das Werk sei ja „nicht sehr subtil“, ist wahrlich untertrieben. Die Lobpreisung von „Böhmens Hain und Flur“ und dessen Mythen wirkt über einen Zeitraum von knapp eineinhalb Stunden doch etwas ermüdend, nach dem 6. Fortissimo-Finale in knapp eineinhalb Stunden wird deutlich, dass die Heraustrennung der fraglos schönen Moldau-Episode aus dem Gesamtzyklus im Konzertrepertoire durchaus ihre Berechtigung hat. Kaum möglich, einem solchen Werk Zweiflerisches, Vieldeutiges zu entlocken. Es würde ja auch niemand von einem Frank Castorf erwarten, aus dem „König der Löwen“ Tiefgründiges herauszuinszenieren. Manche Stücke bieten nun einmal zu wenig Substanz für die ganz große Dirigierkunst. Im Gegensatz dazu die von der Kammerphilharmonie Bremen dargebotene „Große C-Dur“-Sinfonie von Franz Schubert, an der sich schon so manche Orchester und Dirigenten abgearbeitet haben.

Somit ist natürlich nicht auszumachen, ob sich das Hamburger Orchester mit dem selben Programm auf ähnliche Weise empfohlen hätte wie die Kollegen aus Bremen. Der Elan allerdings, die Energie, das Feuer in den Gesichtern der KammerphilharmonikerInnen vermittelt sich dem Zuschauer noch in Reihe 30, während man beim NDR-Orchester in Reihe 2 in zwar konzentrierte und überwiegend freundliche NDR-Sinfoniker-Gesichter blickt, die jedoch nicht den Eindruck erwecken, als sei ihnen das gemeinsame Musizieren eine Herzensangelegenheit. Vielleicht tut man Ihnen Unrecht, mit Sicherheit nehmen sie ihren Job sehr ernst, aber von einem auf das Publikum überspringenden Funken kann eben auch nicht Bericht erstattet werden (Ein Eindruck, der angesichts des doch recht euphorischen Schlussapplauses möglicherweise von einem Großteil des Publikums nicht geteilt wurde).

Ohne Frage ist Thomas Hengelbrock ein recht charismatischer und – auch wenn sich dies nicht ganz unmittelbar mitteilt – intellektueller Dirigent, der sich gut in die Tradition der stets nahmhaften und in seltenen – und zugegebenermaßen länger zurückliegenden – Fällen das Orchester nachhaltig prägenden (Hans Schmidt–Isserstedt, Günter Wand) Maestros einreiht. Für ein Orchester wie die NDR Sinfoniker vielleicht eine Idealbesetzung,  ein etwas kantiger Elan und Esprit sind seine Vorzüge, gepaart mit norddeutscher Bodenständigkeit, zudem eine über das Hamburger Kernrepertoire von Brahms, Beethoven und Bruckner hinausreichende Vorstellung eines musikalischen Kosmos. Doch verkörpert auch dieser in seinem Kapellmeister-Frack mit Fliege eine Art Gegenpol zum legeren, immer präsenten, dabei aber niemals übertrieben oder affektiert agierenden Paavo Järvi. Wenn dieser kurz vor Schluss des letzten Satzes der Schubert-Sinfonie jede gestische Zurückhaltung fahren lässt und mit den Armen unter dem Pult schaufelt, um das Höchstmaß an Spannung aus den 3 x wiederkehrenden Streicher-Tutti-Passagen herauszuholen, die den dramatischen Höhepunkt dieses an Stimmungen so reichen Stückes Musik bilden, ist dies nichts Anderes als absolute Notwendigkeit für das Angestrebte und die Wirkung davon so fesselnd, dass es einen Moment der Besinnung braucht, um die Hände zum Applaus zu regen. Das ist Kunst, das ist die Rechtfertigung für die Darbietung 200 Jahre alter Musik, hier wird ihr Wert aufs Vortrefflichste vorgeführt. Ein Dirigent als Erster unter Gleichen, Orchestermitglied am Pult, eine Idealbesetzung wie sie glücklicher nicht sein könnte. Orchester und Dirigent als Einheit, als Kollektiv, das das gemeinsame Musizieren und die Idee des Musikmachens, die Interpretation der Stücke mit einem Enthusiasmus und intellektueller Schärfe angeht, die aber darüber hinaus auch eine unvergleichliche Freude am gemeinsamen Musizieren demonstrieren, wie es von einem so traditionsreichen, lange gewachsenen Berufsorchester wie den NDR-Sinfonikern vielleicht nicht erwartet werden darf. Letzteres steht für das Solide, die Bremer für das Besondere. Das sehr Besondere, wie an diesem Abend einmal mehr deutlich wurde. (KubA)

06.05.2015, Hamburg. Laeiszhalle. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen • Hilary Hahn, Paavo Järvi
07.05.2015, Hamburg. Laeiszhalle. NDR Sinfonieorchester • Thomas Hengelbrock

Ludwig van Beethoven: Ouvertüre zu »Egmont« op. 84
Henry Vieuxtemps: Konzert für Violine und Orchester Nr. 4 d-Moll op. 31
Zugabe:
Johann Sebastian Bach: Gigue aus Partita Nr. 3 E-Dur BWV 1006 für Violine solo
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Franz Schubert: Symphonie Nr. 8 C-Dur D 944 »Große C-Dur-Symphonie«
Zugabe:
Jean Sibelius: Valse triste op. 44/1 (Kuolema)

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Bedřich Smetana: Má vlast »Mein Vaterland« / Symphonische Dichtung
Bedřich Smetana: Vysehrad
Bedřich Smetana: Vltava »Die Moldau«
Bedřich Smetana: Sárka
Bedřich Smetana: Z ceských luhu a háju »Aus Böhmens Hain und Flur«
Bedřich Smetana: Tábor
Bedřich Smetana: Blaník »Blanik«

Von Geigen-Nerds und charismatischen Franzosen – die Kammerphilharmonie Bremen zu Gast in Hamburg

Der erste Eindruck trügt. Der adrett gekleidete junge Mann verbeugt sich artig, bevor er zur Tat schreitet. Doch kaum hat er vor dem Flügel Platz genommen und greift in die Tasten, setzt ein kurzer Moment der Verstörung ein. Wie sitzt der denn da? Kein Orthopäde mit Passion wird diesen Anblick ertragen können. Tief über die Tasten gebeugt, das Gesicht von langem dünnen Haar verhängt, würde man diese Haltung vielleicht von dem noch immer auftretenden (und demnächst an selbem Ort gastierenden) Menahem Pressler erwarten. Jener jedoch befindet sich in seinem 91sten Lebensjahr, während der Solist dieses Abends dessen Urenkel sein könnte. Hat man ihm den Klavierhocker (mit Lehne!) falsch eingestellt? Oder will er – Künstler haben ja so ihre Eigenarten – den späten Chopin kurz vor seinem Ableben imitieren?

Aber gemach, denn auch dieser zweite Eindruck trügt. Hat man sich an diese etwas bizarre, zunächst schwer miteinander in Einklang zu bringende ‚Schöngeist-Schlaks-älterer Herr mit massiven rheumatischen Beschwerden-Erscheinung‘ gewöhnt, wird man zunehmend in den Bann gezogen von der schnörkellosen, beinahe ein wenig aggressiven Spielweise dieses Piansten – klar und präzise, temporeich, mit hartem Anschlag geht er die beiden späten Bachschen Kompositionen für Klavier (bzw. ursprünglich Cembalo) und Orchester an. Man spürt, dass hier keiner jener derselben Generation angehörenden Tastenmenschen hinter dem Flügel sitzt, die zwar allesamt technisch und mitunter darüber hinaus auch interpretatorisch zu brillieren in der Lage und sicher nicht zu Unrecht auf den großen Konzertpodien der Welt angekommen sind, die aber doch alle diese vielbeschworene Aura eines Tastenmagiers vermissen lassen.Martin Stadtfeld, Lars Vogt, Leif Ove Andsnes, Martin Helmchen –  zweifelsohne großartige Pianisten und in  ihrer Ausstrahlung sehr viel angenehmer als das übertrieben nervtötende Gebaren eines Lang Lang. Dennoch, ein bisschen mehr Charisma wäre mitunter doch wünschenswert.

Aber ist dieser für seine Bach-Einspielungen gefeierte Franzose möglicherweise nicht doch nur ein ganz leicht durchschaubarer Posenmensch? Obwohl er die Konzerte ohne Pathos und große Gesten spielt – ein unterdurchschnittlich ausgeprägtes Ego scheint nicht sein Problem zu sein. In eher ritualisierter als zweckmäßig erscheinender Weise wischt er Hände, Stirn und Tasten (in dieser Reihenfolge) mit einem nach jedem Satz aus dem Klavierkasten hervorgeholten weißen Tuch ab, bevor er dieses dort lässig wieder verschwinden lässt. Es gibt sicher kauzigere Angewohnheiten, bemerkenswert sind sie dennoch. Sollte er das Konzert nicht eigentlich auch leiten? Stattdessen sitzt er da, mit verschränkten Armen zurückgelehnt auf seinem Hocker, dem vom Orchester Dargebotenen kritisch, aber mit sichtbarem Wohlbehagen lauschend und auf seinen nächsten Einsatz wartend.

Das macht aber gar nichts, denn die Kammerphilharmonie hat alles im Griff.  Dieser Mann scheint so abgeklärt, dass man sich vorstellt, wie er noch Sekunden vor seinem Auftritt in ein Fischbrötchen beißt und auf dem Weg zum Flügel den letzten Bissen davon hinunterschluckt. Wäre er spielerisch weniger überzeugend, fühlte man sich auf jeden Fall trotzdem prächtig unterhalten. Es ist nicht auszumachen, ob hinter diesem etwas sonderlichen Gebaren mehr Kalkül oder Authentizität steckt.  Die Cover seiner Tonträger präsentieren ihn in schöngeistigen Posen, die eine Mischung aus Richard Clayderman und Frauen betörendem Gymnasiasten mit Wittgenstein-Einschlag aufbieten und sich allesamt eher wenig mit seiner Bühnen-Erscheinung decken.

Zur Ergründung dessen, was es nun eigentlich wirklich auf sich hat mit diesem Künstler, bedarf es also weiterer Konzertbesuche, denen wir nach diesem Abend in freudiger Erwartung harren. Gerne hätte man sich von seiner Stimmlage überzeugt, doch die Zugabe, zu der er sich in „Ach komm‘ spiel’n wir noch einen“-Manier wieder vor dem Flügel platziert, sagt er leider nicht an. Das ist aber nicht schlimm, zumal er die dennoch als solche identifizierte Ungarische Melodie von Franz Schubert so abgeklärt und gleichzeitig anrührend spielt, dass es meiner Begleitung Tränen in die Augen treibt. So bin schließlich auch ich gerührt, von den Tränen meiner Begleitung wie von diesem Konzertabend, der mal wieder zeigt, dass musikalische Sternstunden zwar selten, aber immer wieder möglich sind.

Das Orchester stand dem Solisten – rein musikalisch –  in nichts nach, begleitete ihn souverän und gleichzeitig leidenschaftlich. Eine atemberaubend professionelle, frische, aber keineswegs routinierte Gesamtleistung, die dem regelmäßigen Konzertbesucher hörbar macht, was dieses Ensemble den Hausorchestern des hiesigen Saales voraus hat.

Man sollte den kulturpolitisch Verantwortlichen vorschlagen, die Kammerphilharmonie zum Residenzorchester des irgendeines fernen Tages am Hafen die Pforten öffnenden neuen Musentempels zu machen. Aber ausgerechnet ein Orchester aus der ewigen Konkurrenz-Hansestadt als Zugpferd in der selbsternannten Musikmetropole Hamburg? Diese Demütigung würde die stolze Stadt, in der der alte Brahms das Licht der Welt erblickte (was zu erwähnen der musikbeflissene Hamburger nicht müde wird) niemals akzeptieren.

Aber zurück zum Konzert: Der Abend bot schließlich noch einen zweiten Solisten auf, der im Hauptberuf der erste Geiger des Orchesters ist und für dieses Konzert den Solo-Part der beiden Violinkonzerte zu übernehmen sich bereit erklärt hatte. Es kann nicht verschwiegen werden, dass dessen Aura der des Franzosen am Flügel, nun ja, nicht annähernd das Wasser reichen konnte. Ohne seine Geige hätte man meinen können, dass dieser Mann den Weg auf die Bühne nahm um dem Publikum das neue iPad Air zu präsentieren. Solche Typen wähnt man vor Bildschirmen in Glasbauten, nicht vor Notenständern in neobarocken Konzertsälen. Der zuvor beschriebenen Verstörung war also bereits eine weitere – wenn auch weniger nachhaltige – vorausgegangen. Man tut also auch innerhalb der Mauern eines Konzertsaals gut daran, so die Lehre dieses Abends, sich von Äußerlichkeiten nicht täuschen zu lassen. Dem Mann mit der Nerd-Brille spritzte vielleicht nicht gerade das Blut aus dem Geigenbogen, aber nach kurzzeitigen Koordinationsproblemen zu Beginn gab er die zwei Violinkonzerte so abgeklärt-innig, dass es nur arg gefühlskalte Gemüter (waren zweifellos anwesend) unberührt lassen konnte. Auch die stehend dargebotene CPE Bachsche (der „Hamburger Bach“) Sinfonie war schlicht packend, die Einheit von sichtbarer Spielfreude und akustischer  Brillanz ein sinnliches Vergnügen, das viel zu früh ein Ende fand.

Ach ja, nachdem wir uns nun schon so viel mit Äußerlichkeiten aufgehalten haben darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass die Konzertmeisterin ein wirklich tolles Kleid trug. Neben dem Solisten der Violinkonzerte kam es ganz wunderbar zur Geltung und von manch anderem Pianisten hätte sie damit womöglich einen Großteil der Aufmerksamkeit abgelenkt – bei diesem war das jedoch ganz und gar unmöglich. (KubA)

26.10.2014, Hamburg. Laeiszhalle Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen • David Fray, Daniel Sepec
Johann Sebastian Bach: Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo E-Dur BWV 1042
Johann Sebastian Bach: Klavierkonzert d-Moll BWV 1052 ***
Carl Philipp Emanuel Bach: Symphonie e-Moll Wq 177 (für Streicher und Basso Continuo)
Johann Sebastian Bach: Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo a-Moll BWV 1041
Johann Sebastian Bach: Klavierkonzert A-Dur BWV 1055
Franz Schubert: Ungarische Melodie h-Moll D 817 (Zugabe)

Willkommen in der kamerafreien Zone

Katzenphilosophin und deutsches Völkergemisch (KudV) meets Kulturjunkie und bahnfahrenden Archäologen (KubA) – hier verbinden sich über die Liebe zum Haselnußschnaps Kulturfetischisten aus dem Großraum Hamburg. Fehler sind beabsichtigt und Sinn hinter der nächsten Ecke. Manchmal sind wir jedoch auch brav, bewegt und verständlich. Dann haben wir wahrscheinlich gerade einen neuen göttlichen Geist entdeckt, gebannt in die Flasche (siehe „Geistvolles“).