Traurig-schöne Musik aus dem hohen Norden: Basta Fou – Kerzenblau

Wenn Mitglieder einer erfolgreichen Band eigene Wege gehen, leiden sie oft darunter, an ihrem vorigen Schaffen gemessen zu werden. Eigentlich glücklich, sich nun künstlerisch ohne Zugeständnisse ganz ihren Vorlieben entsprechend entfalten zu können, ist die Erwartungshaltung des Publikums in erster Linie die, dass es so klingen möge wie das Kollektiv, aus dem sich der betreffende Künstler oder die Künstlerin –     ob nun in Frieden oder als Folge schmerzhafter Auseinandersetzungen – gelöst hat. Und wenn dies nicht der Fall ist, dann soll es wenigstens noch großartiger klingen.

Der einem solchen Kollektiv Entsprungene ist in diesem vorliegenden Fall Mike Pelzer, ehemals einer der Köpfe der Krefelder Musiker von M.Walking On The Water, deren Triumphe allerdings schon einige Zeit zurück liegen und die, was den kommerziellen Erfolg betrifft, nie zu den ganz Großen gehörten, weshalb die Veröffentlichung dieses Albums kaum die Aufmerksamkeit von Journalisten der bekannteren Magazine des Genres erregen wird. Hinzu kommt, dass der auf dem kleinen Bremer Label Fuego erschienene Tonträger wohl nur in die wenigsten Plattenläden der Republik gelangen, zudem kaum beworben und somit selbst jene, die sich dafür interessieren könnten nie erreichen wird.

Leider, muss man sagen, und es wäre interessant zu erfahren, was mit Musik wie     dieser passieren würde, fände sie größere Verbreitung. Diese Frage stellte man sich schon bezüglich Pelzers erstem Bandprojekt der nach M.Walking-Zeit, Gloss. Deren Debut-Album From Oaxaca to Puerto, einem wunderbar melancholisch-romantischen, ganz und gar eigenen Pop-Album hatte auch schon nicht den Weg in die Charts geschafft, was, wie ein recht pragmatischer Kommentar in einer Plattenkritik lautete, „schade für die Motivation der Musiker sein mag, dem interessierten Besucher der anstehenden Gloss-Auftritte aber das Vergnügen bereitet, die Musik nicht in drangvoller Enge erleben zu müssen.“ Nun, so kann man das natürlich auch sehen. Bedauerlich ist es dennoch, zumal der Melodienreichtum dieser Musik das Potenzial hatte (und hat), sich eine größere Fangemeinde zu erschließen.

Nun macht der Multi-Instrumentalist Pelzer, der sich neben dem Musizieren mittlerweile auf die professionelle Reparatur und Instandsetzung alter Yachten spezialisiert hat und seit einigen Jahren auch familiär eingebunden ist, nicht den Eindruck, als sei es ihm darum zu tun an die Erfolge alter Zeiten anzuknüpfen. Eine dreimonatige Tournee durch die Republik wäre ihm mittlerweile vermutlich mehr      Last als Vergnügen.

Schon nach den ersten Liedern der vorliegenden CD wird deutlich, dass dies nicht mehr allzu viel zu tun hat mit den Bands von damals. Weder an M.Walking On The Water (mit denen dieser mittlerweile wieder tourt, siehe dazu den Beitrag in der Rubrik ‚Konzert‘ vom Dezember) noch an Gloss erinnert diese Musik. Das Akkordeon ist noch dabei (hier allerdings nicht von Pelzer selbst gespielt) und natürlich die Stimme, die bei MWOTW stets den sanften Gegenpol des eher morbiden Klangs der Stimmbänder seines kongenialen Gesangpartners Markus Maria Jansen darstellte. Gesungen wird nun auf Deutsch.

Auch wird klar, dass eine solche Musik nicht südlich von Hamburg entstanden sein kann. Vom Meer ist die Rede, von Flut und Watt und Gischt, von Sand und Sandbänken, von Wind und Wellen. Und tatsächlich ist ein örtlich nördlich-nordischerer Entstehungsprozess kaum denkbar – am äußersten Hoch-Zipfel der Republik, in Flensburg, und zudem auch noch zu großen Teilen auf einem Schiff, ist diese Platte entstanden. Akkordeon und Trompete sind die tragenden Instrumente der insgesamt 14 Lieder, dazu die klassische Besetzung von Gitarre, Bass und Schlagzeug und viel Background-Gesang und Chor.

Ein Basslauf eröffnet die CD. „Mit strahlenden Augen, wo immer du gehst, mit strahlenden Augen, das Ziel ist der Weg“ lautet der recht eingängige Refrain des ersten Liedes, das die Richtung für den weiteren Verlauf vorgibt. Melancholisch und warm klingt das, und die Pelzer-Texte sind so feinfühlig und persönlich, dass man mitunter fast etwas peinlich berührt ist, einen solch intimen Einblick in das Gefühlsleben eines einem nicht näher bekannten Menschen zu bekommen. Das trifft auch auf das Titelstück zu, das mit fast identischem Text und musikalisch ähnlichen Motiven unter dem Titel Candle Blue auf dem letzten MWOTW-Tonträger Flowers For The Departed (2011) erschienen ist. „Guten Morgen meine Frau, Du verschläfst den Tau der Einsamkeit“ lautet, von launigem Bläserthema begleitet, der trotzig-heitere Einstieg. Doch im Refrain wenden sich Musik und Text dann in Moll: „Denn es fiebert mein Herz und es bleibt kaum Zeit für den Schmerz“.

„Acker“, der vielleicht versöhnlichste, vielleicht schönste Titel des Albums, ein Lied auf den Frühling, der die Lebensgeister zumindest zeitweise wieder erwachen lässt, selbst wenn diese zwischenzeitlich arg ermattet schienen.

Die Kinderstimme in „Apfelbaum“ lässt keinen Zweifel daran, wer hier besungen wird: „Du bist kein Pessimist, keiner der alles frisst, bist nur ein kollabierender Artist“. Das Ganze kommt so unangestrengt daher, dass man sich an den gelegentlichen lyrischen Sperrigkeiten nicht stört.

Selbst ein musikalisch so uneingeschränkt fröhliches Gute-Laune-Lied (mit Hit-Charakter!) wie „Wenn Du singst“ erzählt von den Kompromissen und dem nicht Planbaren. Ein Text, der auch in musikalisch weniger heiterem Gewand nicht unpassend daherkommen würde. So aber geht es auch. Nur: von der Melodie sollte man sich eben nicht täuschen lassen. Die zuweilen allzu deutliche Fröhlichkeit dieser Lieder ist immer auch etwas trügerisch.

Durch „Diese Wunde“ zieht sich die klagende Stimme des Opern-Bariton Joa Helgesson, während fast flehend die Frage aufgeworfen wird: „Wann wird schließen die Wunde?“ Das klingt pathetisch, wird aber durch die Verspieltheit des Akkordeons aufgefangen und verhindert jeden Anflug von Peinlichkeit. In hohem Maße originell ist das, dabei ist die Gefahr des Scheiterns hier groß. Das gilt für das gesamte Album – jeder Anflug von Pathos wird durch diese Unaufgeregtheit neutralisiert.

Von der nicht heilen wollenden Wunde ist auch in „Verglühen“ die Rede. Ein ruhiges, vom Klavier begleitetes und von einer wunderschönen Bläsermelodie getragenes Lied.

Mit „Halt Deine Hand“ werden wir aus dem Basta Fou-Kosmos entlassen. Auch hier geht es wieder um Verlust und das, was trotzdem Bestand hat. „Das Lächeln, das ich in dir sah, bleibt fest in mir, bleibt hell und klar“. Das traurigste Lied des Albums, traurig und schön – der Klang des Lebens.

Pelzer und seine Band haben einerseits ein Gespür für große Emotionen – da sich in die Euphorie aber immer auch der Schmerz und das Unzulängliche mischen, eben die Zumutungen des Daseins, verliert sich die Musik nie ins allzu Gefühlige.

Die Trompete und die lyrischen Texte lassen einen an ‚Element Of Crime‘ denken (besonders in „Linden“), ‚Meta-Folk‘ nennt die Band selbst ihren Stil, ein wenig hilfreicher Versuch einer ohnehin überflüssigen Kategorisierung. Wie einst der Sound von Gloss sind auch Basta Fou schwer mit anderer Musik zu vergleichen. Es ist ein ganz eigener musikalischer Kosmos, ohne den Anspruch, ganz und gar anders oder neu  klingen zu wollen. Dafür sorgt schon Pelzers signifikante Liedermacher-Stimme in Kombination mit der fast alle Songs dominierenden Trompete und Akkordeon.

Sympathisch auch, dass ein so unüberhörbar von auch schmerzhaften Erfahrungen geprägtes Album in so ein leichtes, im besten Sinne schlichtes Cover gehüllt ist.              Ein  blauer (kerzenblauer?) Buchdeckel. Mehr nicht. Das passt zu dem in keinem Ton Wichtigtuerischem, von dem deutschsprachige Musik leider allzu oft geprägt ist.

Es ist ein Album über die Erkenntnis, dass die freudigeren Abschnitte des Daseins ohne die sich über ihm gelegentlich oder auch mehr als verträglich ausbreitenden dunklen Schatten nicht so intensiv erlebbar wäre. Das mag banal klingen, ist aber eben der Stoff, aus dem alle nennenswerte Kunst stets entstanden ist. Traurig, heiter, schön.

Man wünscht diesem Werk eine breitere Aufmerksamkeit, was aus den eingangs erwähnten Gründen schwierig sein wird, denn in die CD-Regale jenseits von Flensburg wird Kerzenblau wohl kaum Einzug erhalten. Man kann es sich aber zuschicken lassen (oder downloaden!) und die frohe Kunde von handgemachter Musik mit deutschen Texten jenseits des Mainstream verbreiten. Dazu wird hiermit aufgerufen. Von Herzen. (KubA)

http://www.basta-fou.de/

Hier gibt’s die CD:

http://www.basta-fou.de/2015/11/22/das-neue-album-es-ist-kerzenblau/

 

Zum Tode David Bowies

Ich erinnere mich an eine Reihe von Konzerten. Lübeck 1997, Open Air, mit einer anschließenden Begegnung des Meisters im Backstage-Bereich. Ich sage „Was a great a show“ oder so etwas. Er lächelt freundlich, bedankt sich. Irgendwie nicht von dieser Welt und doch ganz menschlich. Dann Leipzig, im selben Jahr. Festivals, auf denen er mit Bands auftritt, die er alle irgendwie beeinflusst hat. Im selben Jahr das Clubkonzert in Hamburg, Große Freiheit 36. München 2002, Olympiahalle. 2003 dann die letzte Tour, seine längste überhaupt. Hamburg, Hannover. London! Wembley-Arena, ein Heimspiel. Schöne Erinnerungen.

Bowie, eines dieser Vorbilder, die einem den Weg zum Erwachsenwerden erträglicher gemacht haben. Zu einem Zeitpunkt, als der seine größten Erfolge bereits hinter sich gehabt hat. Gleich mehrere Generationen zu beglücken, und zwar nicht mit der immer gleichen, sondern immer neuer Musik, das schaffen nicht viele.

Die Künstler sind groß, die nicht nur in einem Genre zuhause sind, alles aufsaugen und sich für alles interessieren und alles in ihre Arbeit, die ganze Welt in ihre Kunst einfließen lassen. Der Künstler als Gesamtkunstwerk. Sich des Vorausgegangenen bewusst, aber schon in die Zukunft denkend, niemals stehenbleiben. Immer am Puls der Zeit, ohne dass es gezwungen daher kommt. Der Hang zur Selbstinszenierung nie als Mittel zum Zweck, die innere Zerrissenheit als Triebfeder. Und stets dieses Interesse für das Jenseitige, das Uneindeutige, das Plakative allenfalls ironisch ummäntelt. David Bowie war der Richard Wagner unserer Zeit. Nur etwas sympathischer.

Ein Ableben, das zu seinem Leben zu passen scheint: nur zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag, zwei Tage nach Erscheinen seines letzten Albums der plötzliche, für alle überraschende Tod. Ein düsteres Album als Abschiedsgeschenk. Ein letztes Video, das einen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der Künstler auf seinem Sterbebett, mit verbundenen Augen, sich immer wieder aufbäumend: „Look up here, I’m in heaven, I’ve got scars that can’t be seen“. Ein zweiter Bowie tritt aus einem Schrank heraus neben sein Bett und kritzelt nervös Sachen auf Papier, während unter seinem Bett ein menschliches (?) Wesen lauert. Dazu unendlich traurige Töne eines Saxophons. Doch es endet tröstlich: „Oh, I’ll be free, just like that bluebird, oh I’ll be free, ain’t that just like me“. Was für ein Abgang.

Der tief betrübte Fan kann sich immerhin noch eine Weile an seinem umfangreichen künstlerischen Erbe abarbeiten. Das verheißt viel Freude, viel Erkenntnis und Inspiration. Große Kunst eben. Doch bleibt man auch ein bisschen desillusioniert zurück – denn wem, wenn nicht ihm hätte man die Unsterblichkeit zugetraut. Das Jahr 2016 beginnt mit einer Ernüchterung. (KubA)

 

Krautinger – ein ganz spezieller Trank aus dem Tiroler Land

Diese Rubrik, „Geistvolles“ – man muss es so sagen – ist bislang auf das Schändlichste vernachlässigt worden. Von Schnaps-Tests war die Rede, Rankings, Empfehlungen – nichts von alldem ist bislang in die Tat umgesetzt worden. Der bahnfahrende Archäologe will keineswegs seine Mitverantwortung leugnen. Allerdings, wie soll man etwa einen einigermaßen repräsentativen Haselnussschnapstest durchführen, wenn einer der beiden Teilnehmer schon nach der dritten Verkostung die Segel streicht. Kann jemand, dessen Fahrtüchtigkeit auf nicht motorisierten Fahrzeugen bereits nach, sagen wir… vier halben Schnäpsen erheblichst eingeschränkt ist, noch mit dem Gaumen ermitteln, ob Haselnuss D einen geschmeidigeren Abgang hatte als Haselnuss B? Ob Haselnuss A wirklich pelziger am Zungenboden haftete als Haselnuss C. Und was ist mit Haselnuss G, H, I oder etwa… Y? Es gibt eine Menge guter Tropfen. Die Katzenphilosophin mag mich nun schelten, mir vorwerfen, ich würde Klischees von trinkfesten Mannen und nix vertragenden Weibsbildern bedienen. Fest steht, dass diese Rubrik bislang leer war und etwas passieren musste. Und deshalb hat sich der nicht nur kulturbeflissene, sondern auch kulinarischen Genüssen zugeneigte bahnfahrende Archäologe – um einen späten Anfang zu machen – auf ein, somit rein subjektives, Experiment eingelassen und sich einen Schnaps im Selbst- und Einzeltest vorgenommen.
Es handelt sich um eine Rarität aus dem nordöstlichen Tiroler Alpenland, einem Erholungsgebiet für im Sommer vorwiegend deutsche sowie im Winter englische und russische (Letztere tendenziell abnehmend – die Weltlage!) Wintersport-Touristen.
„Krautinger“ heißt das Gesöff, hergestellt aus der Weißen Stoppelrübe. Das Monopol zur Herstellung dieses Schnapses, dem sogenannten Krautingerbrennen, wurde den Bauern in der Wildschönau bereits von Kaiserin Maria Theresia verliehen, weil die Bergbauern in diesem Hochtal sehr arm waren. Das Dekret der Kaiserin sollte das ausgleichen. Mittlerweile produzieren von den anfänglich über 50 nur noch ungefähr 16 Brennereien regelmäßig oder gelegentlich den Krautinger. Man bekommt ihn in den hiesigen Wirtshäusern und Geschäften und er ist keineswegs preisgünstig, kein Billig- Destillat für den gemeinen Party-Touristen oder Doppelkorn-Ersatz für den deutschen Urlauber fernab der Heimat, eher etwas Besonderes für Leute mit Mumm in den Knochen! Und… Hornhaut auf dem Gaumen? Der populärste Pub der Region etwa trägt seinen Namen nach der Rübe – „Turnip Inn“. Und in der Getränkekarte steht neben dem Rübenschnaps geschrieben: „if you dare“ – wenn du dich traust. Dieser Zusatz nimmt wohl weniger Bezug auf eine verheerende Wirkung als Folge seines Genusses, sondern eher auf den, nun ja, ungewöhnlichen Geschmack. Vom Preis her eine Spezialität, wird er von den Touristen eher als eine Art Kult-Getränk konsumiert, das zwar unausstehlich schmeckt, aber für den dem Schnapskonsum zugeneigten Urlauber in der Wildschönau irgendwie dazugehört – ob nun unter Selbstüberwindung oder einem tatsächlich irgendwie empfundenen Genussgefühl. Bei wikipedia heißt es: „Der Krautinger wird von seinen Anhängern auch als eine wirksame Medizin bei Magenverstimmungen bezeichnet, er wird in der Wildschönau jedoch auch ‚so‘ getrunken. Für viele ist aber bereits der Geruch so ungewöhnlich, dass die wenigsten überhaupt ein Stamperl verkosten wollen.“ (Stamperl = Schnapsglas, Anm. des KubA). Nun, die erste Nase ist tatsächlich ungewöhnlich. Ein auf Birne, Zwetschge, Quitte oder Marille zum Abschluss eines schönen Essens eingestelltes Geruchsorgan dürfte hier zunächst erst einmal verstört reagieren. Was ist das? Vergorenes Sauerkraut? Ich fühle mich an Brottrunk erinnert, jenem heute noch immer erhältlichen und angeblich und mit Sicherheit urgesunden Getränk auf Vollkornsauerteigbrotbasis, das – dieses Forum hat sich nicht auf die Fahnen geschrieben frei von Vorurteilen zu sein – vorwiegend von Menschen konsumiert wird, die auf recht humorlose Art 100 Jahre alt werden wollen.
Der erste Schluck. Ich schaue beim Trinken zwar nicht in den Spiegel, habe aber eine recht konkrete Vorstellung von meiner Mimik. So in etwa stelle ich mir die Bowle vor, die der Comedian Erwin Pelzig in seiner Sendung („Pelzig hält sich“) seinen Gästen kredenzt. Jene allerdings soll angeblich alkoholfrei sein. Hier aber ist Alkohol drin (ca. 40 %) und das ist zunächst das einzig Positive, das es über diesen Schluck zu sagen gibt. So mag Medizin schmecken, die auch tatsächlich wirkt. Aber Genuss? Der zweite Anschein ist allerdings schon weit weniger abgeneigt. Es ist zumindest etwas Besonderes, nie zuvor hat man so etwas geschmeckt und der milde, weiche Abgang verrät, dass es sich keinesfalls um einen billigen Brand handelt. Dennoch, ein zweites Stamperl möchte man nicht unbedingt kosten. Das geleerte Glas fühlt sich gut an. Vielleicht morgen noch eines, aber nur vielleicht, denn es gibt ja auch wunderbare Obstbrände in dieser Gegend, und für den Preis, den ein solcher Rübenschnaps kostet, bekommt man hier von jener Art schon Beträchtliches. Als Digestiv nach einem deftigen Tiroler Essen kann man sich an die destillierte Stoppelrübe nicht nur gewöhnen, sondern ihr auch Delikates abgewinnen.
Fazit: Wer einmal in der wunderschönen Wildschönau im wunderschönen Tiroler Land zu Gast ist, sollte sich auf keinen Fall die Gelegenheit entgehen lassen, diese destillierte Super-Rübe an ihrem Ursprungsort – ob in Niederau, Oberau, Auffach oder im Alpbachtal – zu probieren. Und noch einmal über deren Geschichte nachzulesen. Maria Theresia, die armen Bergbauern, usw. Wer aber daheim, in der Holsteinischen Schweiz, der Lüneburger Südheide oder im östlichen Nordfriesland, anfängt, den Krautinger dem 20 Jahre alten Single Malt aus dem Schottischen Hochland vorzuziehen, dem ist wohl doch mit einiger Skepsis zu begegnen. Aber das ist einigermaßen unwahrscheinlich.
Mal abwarten, was die Katzenphilosophin dazu sagt. Einen wird sie wohl vertragen können. Wenn die Nase dem Gaumen noch die Chance gibt. (KubA)

Weiterführende Info unter:
http://www.wildschoenau.com/de/wildschoenauer-krautinger

Zwischen Nostalgie und purem Glück – M. Walking On The Water in Bremen

Es war das letzte einer Tour von insgesamt 4 Konzerten und Markus Maria Jansen,   einer der beiden Köpfe von M.Walking On The Water, sagt: „Wir haben mal 50 Konzerte in 52 Tagen gespielt, danach waren wir… total fertig. Morgen werden wir uns genauso fühlen.“ Nun, die Zeit mag nicht ganz spurlos an ihnen vorüber gegangen sein, ihre Spielfreude aber haben sie nicht eingebüßt. Das wird von Beginn an deutlich.

Zur Erinnerung: ein Jahrzehnt lang, von etwa 1985 bis zur Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, repräsentierten sie die unverkrampfte Seite der deutschen ‚Alternative‘-Musikszene, spielten aufgrund der ihre Musik dominierenden Instrumente Akkordeon und Violine irgendwie folkverdächtige Musik, die aber in der Kombination knarzender Gitarren und mal treibender, mal ganz ruhiger und immer wieder im Walzer-Takt daherkommender Stücke in ihrer melancholischen Fröhlichkeit unver-wechselbar und so recht keinem Genre zuzuordnen waren. Bis 1995 veröffentlichten    sie fast jedes Jahr ein neues, von Kritikern und Fans stets euphorisch aufgenommenes Album mit anschließender, ausgiebiger Tournee. Ein unwahrscheinliches Pensum, absolviert von leidenschaftlichen, fast besessenen Musikern, das sich über Jahrzehnte   in einem solchen Maße kaum bewältigen lässt. Allerdings war es wohl weniger die Kondition als vielmehr ein veränderter Zeitgeist und die Ende der 90er Jahre einsetzende Musik-Krise, die immer weniger vorhandene Bereitschaft der Plattenfirmen, Geld in die Hand zu nehmen, die zum Ende der Krefelder M-Truppe führte. 1997 erschien dann noch das kaum beachtete Album „Fis“, ehe sich die Band dann in den vorzeitigen – vorübergehenden – Ruhestand verabschiedete. An den dann folgenden Solo-Veröffentlichungen der Bandmitglieder wurde deutlich, wie unterschiedlich deren musikalische Vorlieben geartet waren. Und wie kongenial sich diese zur unvergleichlichen Einheit M.Walking On The Water vermengten. Auf der einen Seite der sentimentale Feingeist Mike Pelzer, der seinen Lebensmittelpunkt vom Niederrhein in den hohen Norden verlegte und neben der Restaurierung alter Yachten Platten aufnahm, die eben so klangen wie M.Walking On The Water geklungen hätte wenn Markus Maria Jansen, der andere der beiden Chefs, nicht auch ein Wörtchen mitzureden gehabt hätte. Dem nämlich möchte man ein sentimentales Wesen zwar keineswegs absprechen, allerdings äußerte sich dieses auf eher – im besten Sinne – grobschlächtige Art und Weise. Dazu trug schon seine (möglicherweise von Drinks und Zigaretten behutsam gepflegte) Stimme bei. Ein paar hübsche, unüberseh- und hörbar mit viel Herzblut produzierte, schlicht unter dem Namen ‚Jansen‘ veröffentlichte Alben kamen dabei heraus, die in den späten 90ern und frühen Nuller-Jahren leider so wenig Beachtung fanden, dass man diese nicht einmal in den besser sortierten Plattenläden jenseits von Krefeld findet und fand. In kleinen, kaum zur Hälfte gefüllten Clubs, in denen sich mehr Freunde als Neugierige einfanden – professionell beworben geschweige denn besprochen wurden diese Alben nicht mehr oder kaum – gab Jansen seinen ‚Schrägpop mit deutschen Texten‘ zum Besten. Das wiederum klang, wie sollte es anders sein, wie M.Walking On The Water ohne die ausgleichende Sanftheit Mike Pelzers. Wenn man Jansens Konzerte besuchte, war diesem anzumerken, dass die Zeit nach dem – naja – Ruhm nicht einfach war, nicht für einen Kommunikator und Vollblutmusiker wie MMJ, der es stets genoss auf der Bühne zu stehen und sich zu verausgaben. Obwohl er seine musikalischen Vorstellungen mit seinem Jansen-Projekt jetzt vielleicht wie nie zuvor verwirklicht sah, fehlte nun das Forum. Aber er machte immer weiter, schrieb zudem Musik fürs Theater und veröffentlichte noch eine ganze Reihe von Tonträgern. Als ich ihm vor vielen Jahren einmal nach dem Hören der alten M.Walking-Alben (und dem Konsum einiger Flaschen Bier) eine euphorische Postkarte schrieb, in dem ich ihn von der unbedingten Notwendigkeit einer Wiedervereinigung von M.Walking On The Water zu überzeugen versuchte, schrieb dieser zwar prompt zurück, aber die Antwort war ernüchternd: „M. ist ein großes Fragezeichen“. Nichts also sprach dafür, dass es noch einmal zu einer Neuauflage von MWOTW kommen würde. Dann, 2011, nach einigen wenigen schon vorab hier und da gespielten Konzerten in den Jahren zuvor war es endlich soweit – ein neues Album: „Flowers For The Departed“. Man hatte sich tatsächlich noch einmal zusammengefunden, in der alten Besetzung um den Schlagzeuger Martell Beigang, dem Violinisten Axel Ruhland und dem Kontrabassisten Conny Mathieu. Das Werk fand zwar über die einstigen Anhänger der Band hinaus kaum Verbreitung, erhielt aber immerhin deutschlandweit Einzug in die Plattenläden und auf die Playlist des Deutschlandradios, das die Platte zum „Album der Woche“ kürte. Eine Platte, die so zeitlos nach M.Walking On The Water klang, als hätte es die 14 Jahre Pause nicht gegeben und gleichzeitig so frisch daher kam, als sei es das Debütalbum einer gerade erst gegründeten Band.

Da stehen sie nun also wieder auf der Bühne. Dieses Mal erstmals im Bremer ‚Kulturzentrum Lagerhaus‘ und nicht mehr im wesentlich größeren ‚Modernes‘ in der Neustadt. Sei es drum, der Sound ist klar und geht von Beginn an nach vorne los. „Melitaah“ heißt der Opener, einem verrückten Punk-Folk-Stück (wenn auch sich solche Schubladen für diese Musik eigentlich verbieten), ihres ersten Albums, das   (fast) ganz ohne Text auskommt. Es reiht sich Hit an Hit – „Linda Lee“, „Holy Night   Of Rosemarie“, „Misery“ und „Poison“, der wohl kommerziell erfolgreichste Song (ich hörte ihn einst sogar beim Pinkeln auf der Toilette einer spanischen Autobahnraststätte), erschienen auf dem Album „Elysian“ von 1991. Natürlich sind es die frühen Lieder, die das überschaubare (Jansen: „Die Scheinwerfer blenden so, ich kann nur die   1. Reihe erkennen“, Antwort aus dem Auditorium: „Es gibt auch keine 2. Reihe“) aber durchaus begeisterungsfähige Publikum in Verzückung versetzen. Beglückend auch, wie Pelzer in „Pink Pinks“ seine Mundharmonika bearbeitet und sich die Musiker in einen Rausch spielen. Und natürlich darf auch „Party In The Cemetery“ nicht fehlen, der erste „Hit“ der Band, erschienen auf ihrem Debut-Album. Während der jenseits von MWOTW recht erfolgreiche Schlagzeuger Martell Beigang, der im Hauptberuf beim Popstar Sasha und dessen Projekt ‚Dick Brave & The Backbeats‘ trommelt, sein Können in einer Solo- Einlage zum Besten gibt, geht Jansen erstmal an die Bar und trinkt ein Bier, bis er sich schließlich wieder für seine Einlage, zusammen mit Mike, auf der Bühne einfindet. Rücken an Rücken drängen sie sich, mit Akkordeon bzw. Gitarre bewaffnet, von einer Ecke der Bühne auf die andere. Das wurde damals auch schon so (oder so ähnlich – hat Jansen etwa Rücken?) gemacht und zeigt launisch und jenseits aller Instrumenten-Poserei, was man eh schon wusste: dass es sich bei den 5 Musikern nämlich um mehr als passable Musiker handelt. Zur zweiten Zugabe begibt sich die Band dann zum „Dead President’s Waltz“ ins Publikum. Die Zuschauer bilden einen Kreis um die Band und singen und schunkeln gemeinsam im Dreivierteltakt. Leute, die Anfang der 90er um die 20 waren oder damals schon alt, denn MWOTW hatte eine verhältnismäßig breite Zielgruppe (es war immer von Gastspielen in Seniorenheimen die Rede). Auch ein paar Kinder sind anwesend und gucken etwas skeptisch, wie der Mann mit der Gitarre und dem Piratenbart den Kopf in den Nacken legt und aus voller Kehle das Lied von der Band singt, die den Kanzler entführte, in einen „Altbierpool“ stieß und gegen einen verklei- deten Narren austauschte. Alle sind irgendwie glücklich. Natürlich spielt Nostalgie eine Rolle. Und ein bisschen Wehmut. Suchte man damals schon seine Inseln im Meer der immer stupider werdenden und kommerzialisierten Musiklandschaft, so ist die Lage heute kaum besser. Na schön, das Vinyl ist zurück und das Netz ermöglicht die Verbrei- tung von Musik, die einem in dieser Vielfalt früher nicht zugänglich gemacht werden konnte. Aber wirft man einen Blick auf jene Ergüsse, die einen Großteil der Musik-konsumenten binden, so kann sich nur Ernüchterung breitmachen. Die Popmusikkultur ist mehr denn je in den Händen der Unterhaltungsindustrie und lässt den Großteil der Menschheit nicht einmal erahnen, was kulturelle Vielfalt bedeutet. Jenseits des Internets haben es Bands nach wie vor schwer, sich Gehör zu verschaffen und Qualität ist immer weniger in der Lage, sich durchzusetzen.

Aber Lamento sollte eigentlich nicht am Ende des Berichts über dieses wunderbare Konzert stehen. Und es geht weiter – im März steht wieder eine 4-Tage-Tournee an. Wir wollen hoffen, dass sich die Band bis dahin wieder von den Strapazen erholt hat. (KubA)

 M. Walking On The Water, 11.12.2015, Bremen, Lagerhaus

 

Einen Eindruck vom Konzert bekommt man hier:

Bel ami (2012)

Zur Verfilmung des gleichnamigen Klassikers von Guy de Maupassant, Regie: Declan Donnellan, Nick Ormerod; mit solch bekannten Darstellern wie Robert Pattinson, Uma Thurman, Kristin Scott Thomas und Christina Ricci.

„Nicht wenig Männer haben kein anderes Innenleben als das ihrer Worte, und ihre Gefühle beschränken sich auf eine rein verbale Existenz.“ (José Ortega y Gasset, Liebe)

Was ist der Zauber Bel Amis, der ihm die Frauen in die Fänge treibt wie der aasige Duft einer Venusfliegenfalle ihre Opfer? Sein Aussehen? Sein Charme? Es gibt viele hübsche Männer (und bedeutend hübschere als Robert Pattinson) und der Charme dieser eitlen Tölpelfigur liegt höchstens in ihrer ungenierten, ja dreisten Unbeholfenheit. Die Frauen scheinen aus gutmütiger Hilfsbereitschaft dem sinnlichen Reiz äußerlicher Schönheit zu verfallen; Leere, geschmückt mit Selbstbewusstsein, zieht Projektionen an. Und weil der ehemalige Unteroffizier Georges Duroy in jeder Frau etwas Nützliches sieht, finden er und seine Gespielinnen zumindest für die Dauer, in denen sie ihm dienlich sind, Gefallen aneinander. Nützlich ist ihm unter diesem Blickwinkel selbst der Genuss, das körperliche Vergnügen mit einer hübschen Frau. Ihr kann er vertrauen, weil sie ihm in derselben Art ergeben ist, wie er ihr, man kennt sich, liebt und betrügt sich auf dieselbe Art.

Wer das Buch kennt, ahnt, wohin die Regisseure mit der Neuverfilmung wollten. Sie stellt Georges Duroy in einer Weise in den Mittelpunkt, die seine„Leere“, die Madeleine ihm zum Vorwurf macht, zum allesbestimmenden Thema werden lässt. Das entspricht ganz und gar Maupassants Geschichte, ein Aufsteiger, der berechnend, kaltblütig und skrupellos aus einer alltäglichen Charakterlosigkeit heraus Frauen benutzt, um seine Herkunft als Bauernsohn hinter sich zu lassen und schließlich Millionär wird, dabei aber keinerlei Kultiviertheit entwickelt. Und Pattinson korrespondiert damit ganz ausgezeichnet, so wie er als Meyer’scher Vampirer in den Augen von Millionen naiver Mädchen prächtig funktionierte , weil er sich, wie mir anhand der Bel-ami-Rolle aufging, nie preisgeben musste. Er hat ein außergewöhnlich glattes Leinwandgesicht und verkörpert perfekt Figuren, deren Innenleben, soweit vorhanden, hinter der statuenhaften Oberfläche verborgen bleibt. Jede Geste, jede Miene, jedes Gefühl wirkt kalkuliert, nicht unmittelbar, wie das bei leidenschaftlichen Menschen/Figuren der Fall ist. Selbst wenn dies schlechte Schauspielkunst wäre, repräsentierte er perfekt einen bestimmten Typus und ist richtig besetzt, folgt man dem, wie Maupassant nicht nur das Psychogramm eines glücklichen Emporkömmlings schilderte, sondern ein gesellschaftliches Phänomen.

Um daraus allerdings einen packenden Film zu machen, hätte es einer Modifikation des Stoffes bedurft, der eine Identifikation mit den Opfern oder eine tiefergehende Einsicht in die Beweggründe, den Antrieb der titelgebenden Figur ermöglicht hätte. Obwohl das Ziel dieser Inszenierung in gewisser Weise gelungen ist (es kam an), stimmt etwas nicht mit einem Film, wenn er langweilt. Und das tut er, im Gegensatz zum Buch, es fehlt die Ironie, eine paradoxe Losgelassenheit und Hingabe im darstellerischen Spiel. Pattinson wirkt zu wenig doppelbödig/zu ernsthaft, was eine mangelnde Chemie zwischen ihm und den Damen zur Folge hat. So schien mehr der Ruf des Schauspielers als das Auftreten Duroys den Erfolg bei der erlesenen Damenriege (Thurman, Ricci, Scott Thomas) dramaturgisch zu begründen. Das Gesamtergebnis ist ein Jammer – eine gute Geschichte mit einer guten Ausstattung und guten Schauspielern bleibt im oberflächlichen Mittelmaß stecken und hinterlässt nicht mehr als einen schalen Geschmack, was garantiert nicht von den Machern intendiert war.

(KudV)

Beileidsbeleidigung

Aus gegebenem Anlass, ganz privat und für die vorlliegenden Beitragslücken verantwortlich, ein paar Gedanken über das Bekunden von Beileid. In der noch relevanten analogen Welt gibt es ja trotz gegenteiliger offizieller Bemühungen durch Ärzte und größenwahnsinnige Wissenschaftler (unter Beifall einer Mehrheit hochgradig neurotischer Normalbürger) ernsthafte Versuche, den Tod zu eliminieren oder zumindest weit über das vernünftige Maß hinaus bis zur unumgänglich letzten Sekunde auszublenden. Tritt er dann ein, wird er möglichst schnell ‚beseitigt‘, bei Seite geschoben. Zumindest scheint es nicht mehr üblich, einfache Sätze des Mitgefühls gegenüber betroffenen Freunden oder Bekannten über die Lippen zu zwingen, ganz zu schweigen von echten Kondolenzbriefen, die jüngere Mitmenschen (heutzutage so unter 45) nur noch vom Hörensagen kennen. Das ist schade bis schädlich, denn nichts ist zwischenmenschlicher Wärme und Nähe förderlicher, als die Anteilnahme angesichts unserer aller Gleichheit in der Endlichkeit des Lebens.

Ganz eigenartige Blüten treibt dabei das schnelllebige Pflaster Internet – obwohl es Dinge für die ‚Ewigkeit’ konserviert, zumindest solange sich unsere Daseinsorganisation mit Strom und allem Pipapo aufrechterhalten lässt und nachfolgende Zivilisationen Know-how und Interesse für heute verwendete Datenträger aufbringen. Für die Lebenszeit eines Individuums reicht das Gedächtnis aus kristallinen oder magnetischen Speichermedien jedoch allemal, um von einem digitalen Nachleben über den Tod hinaus ausgehen zu dürfen. Der ruandische Präsident Paul Kagame kam sogar in den zweifelhaften Genuss, sein eigenes Ableben und die Reaktionen in der Netzwelt live mitzuerleben: Er wurde 2013 via Nonsense-Website totgesagt und weil im Nachbarstaat Kongo diese Nachricht äußerst populär war, gelangte das Gerücht binnen Stunden durch Facebook zum Status einer umjubelten Wahrheit. Mit Unterstützung der BBC konnte Kagame seine Lebendigkeit beweisen und damit auch virtuell zurückgewinnen.

Nicht wehren können sich dagegen jene, deren realer Tod zu wilden Spekulationen über den Sterbenshergang führt und makabre Beileidsbezeugungen im Internet nach sich zieht. So wurde beispielsweise der Autounfall des Schauspielers Paul Walker allerortens sofort – in ebenso heuchlerischer Trauer wie feixender Wichtigtuerei – mit überhöhter Geschwindigkeit in Verbindung gebracht und weidlich ausgeschlachtet. An billigen „R.i.p“s fehlte es weder bei Twitter noch auf der Facebooksite des Verblichenen, eine widerwärtige Floskel, die ursprünglich ebenso wie „Wir werden dich nie vergessen“ den engen Verwandten und Hinterbliebenen vorbehalten war, denen normalerweise auch das Beileid gilt. Doch, neue Zeiten, neue Sitten, besonders ungezwungen in einer anonymisierten Öffentlichkeit: Unter den unpersönlichen Mitgefühlsbekundungen gegenüber einem Toten stehen auch Versprechen auf einen posthumen Ruhm: „Heute wird DEIN Tag!“ Als handele es sich beim Sterben um eine episodische Prüfung, deren unbequeme Seiten durch das Feiern des Jahrestages zukünftig in einen Triumph verwandelt werden. Manchmal drängt sich schon die Frage auf: Internet, quo vades?

(KudV)

Anm.: Erweiterter Beitrag des „Internetgerüchts“ im Lüneburger Stadtmagazin Quadrat 02.14

Die Katzenfalle – Catcontent im Internet

Schonmal beim Shoppen im Netz bei einem Katzenfilmchen hängen geblieben? Zwei Stunden und 14 nette Delfin-Katze-, Schidkröte-Katze-, Katze-Katze-, Katze-Hund-, Katze-zuhaus-, Katze-schläft/trinkt/rutscht/springt/fällt-um-Videos später zu der Erkenntnis gekommen, dass Katzen auf Bildern glücklicher machen als alle vielbeworbenen rutschfesten Badeshorts in Händen? Willkommen im Club. Das geht nicht nur Ihnen so. 2011 schöpfte die kanadische Werbeagentur John St. den Begriff „Catvertising“ und ersetzte in einem (leicht ironischen) Selbstvermarktungsvideo, in dem selbstverständlich zahlreiche vierbeinige Schönheiten durchs Bild stolzieren, alle „Ad“-Worte durch „Cat“. Wie nicht anders zu erwarten, hatte das Filmchen innerhalb kürzester Zeit Millionen Klicks und bewies, wie „Katzencontent“ als Werbestrategie funktioniert. Internetbeiträge mit Katze verbreiten sich über die sozialen Medien schneller und weiter als alles andere.

Was demnach der Automobilindustrie der Elchtest, ist dem Onlinemarketing der Katzentest. Schafft es eine Werbekampagne, sich bei ihren potenziellen Kunden gegenüber einem Katzenbeitrag zu behaupten? Eine wahre Herausforderung – da schien die Idee der Grünen konsequent, in einer frühen Phase des Europawahlkampfs 2014 gleich Wahlplakate für die Netzwelt mit Katzen zu bestücken. Natürlich sollte damit lediglich der sinkenden Wahlbeteiligung entgegengewirkt werden; als ob die Wähler von Katzen hypnotisiert automatisch zur Urne schritten …

Wobei. Im unendlichen Feld der Verschwörungstheorien hat die These, und dies ist kein Gerücht, Katzen hätten das Internet erfunden, Tradition. Wie alle Internetnutzer (und Dosenöffner) wissen, sind Katzen auf die Weltherrschaft aus; ihr Geschick, uns um den Finger zu wickeln, haben sie dazu problemlos ins Netzuniversum überführt. Die Frage bleibt nur: Warum und wozu? Eine mögliche Antwort gibt die Bibel aus Katzensicht unter http://www.lolcatbible.com. Die Suche nach weiteren Erklärungen gestaltete sich schwierig, jeder Versuch endete … Sie wissen schon, wo.

(KudV)

Über den Unterschied zwischen Solidität und Weltklasse – zwei norddeutsche Orchester an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im Mai

Es ist zugegebenermaßen nicht ganz fair, bei zwei Orchestern mit der Darbietung so derart unterschiedlicher Programme einen Vergleich anzustellen. Wenig wahrscheinlich, dass Paavo Järvi und seine Kammerphilharmoniker aus einem Stück wie Smetanas Heimat-Schinken Magisches herauszuholen in der Lage gewesen wären. Ohnehin fragt sich, ob es sinnvoll ist ein solches Stück um ein paar fraglos schöner Melodien Willen in voller Länge darzubieten. Die Anmerkung meiner Begleitung, das Werk sei ja „nicht sehr subtil“, ist wahrlich untertrieben. Die Lobpreisung von „Böhmens Hain und Flur“ und dessen Mythen wirkt über einen Zeitraum von knapp eineinhalb Stunden doch etwas ermüdend, nach dem 6. Fortissimo-Finale in knapp eineinhalb Stunden wird deutlich, dass die Heraustrennung der fraglos schönen Moldau-Episode aus dem Gesamtzyklus im Konzertrepertoire durchaus ihre Berechtigung hat. Kaum möglich, einem solchen Werk Zweiflerisches, Vieldeutiges zu entlocken. Es würde ja auch niemand von einem Frank Castorf erwarten, aus dem „König der Löwen“ Tiefgründiges herauszuinszenieren. Manche Stücke bieten nun einmal zu wenig Substanz für die ganz große Dirigierkunst. Im Gegensatz dazu die von der Kammerphilharmonie Bremen dargebotene „Große C-Dur“-Sinfonie von Franz Schubert, an der sich schon so manche Orchester und Dirigenten abgearbeitet haben.

Somit ist natürlich nicht auszumachen, ob sich das Hamburger Orchester mit dem selben Programm auf ähnliche Weise empfohlen hätte wie die Kollegen aus Bremen. Der Elan allerdings, die Energie, das Feuer in den Gesichtern der KammerphilharmonikerInnen vermittelt sich dem Zuschauer noch in Reihe 30, während man beim NDR-Orchester in Reihe 2 in zwar konzentrierte und überwiegend freundliche NDR-Sinfoniker-Gesichter blickt, die jedoch nicht den Eindruck erwecken, als sei ihnen das gemeinsame Musizieren eine Herzensangelegenheit. Vielleicht tut man Ihnen Unrecht, mit Sicherheit nehmen sie ihren Job sehr ernst, aber von einem auf das Publikum überspringenden Funken kann eben auch nicht Bericht erstattet werden (Ein Eindruck, der angesichts des doch recht euphorischen Schlussapplauses möglicherweise von einem Großteil des Publikums nicht geteilt wurde).

Ohne Frage ist Thomas Hengelbrock ein recht charismatischer und – auch wenn sich dies nicht ganz unmittelbar mitteilt – intellektueller Dirigent, der sich gut in die Tradition der stets nahmhaften und in seltenen – und zugegebenermaßen länger zurückliegenden – Fällen das Orchester nachhaltig prägenden (Hans Schmidt–Isserstedt, Günter Wand) Maestros einreiht. Für ein Orchester wie die NDR Sinfoniker vielleicht eine Idealbesetzung,  ein etwas kantiger Elan und Esprit sind seine Vorzüge, gepaart mit norddeutscher Bodenständigkeit, zudem eine über das Hamburger Kernrepertoire von Brahms, Beethoven und Bruckner hinausreichende Vorstellung eines musikalischen Kosmos. Doch verkörpert auch dieser in seinem Kapellmeister-Frack mit Fliege eine Art Gegenpol zum legeren, immer präsenten, dabei aber niemals übertrieben oder affektiert agierenden Paavo Järvi. Wenn dieser kurz vor Schluss des letzten Satzes der Schubert-Sinfonie jede gestische Zurückhaltung fahren lässt und mit den Armen unter dem Pult schaufelt, um das Höchstmaß an Spannung aus den 3 x wiederkehrenden Streicher-Tutti-Passagen herauszuholen, die den dramatischen Höhepunkt dieses an Stimmungen so reichen Stückes Musik bilden, ist dies nichts Anderes als absolute Notwendigkeit für das Angestrebte und die Wirkung davon so fesselnd, dass es einen Moment der Besinnung braucht, um die Hände zum Applaus zu regen. Das ist Kunst, das ist die Rechtfertigung für die Darbietung 200 Jahre alter Musik, hier wird ihr Wert aufs Vortrefflichste vorgeführt. Ein Dirigent als Erster unter Gleichen, Orchestermitglied am Pult, eine Idealbesetzung wie sie glücklicher nicht sein könnte. Orchester und Dirigent als Einheit, als Kollektiv, das das gemeinsame Musizieren und die Idee des Musikmachens, die Interpretation der Stücke mit einem Enthusiasmus und intellektueller Schärfe angeht, die aber darüber hinaus auch eine unvergleichliche Freude am gemeinsamen Musizieren demonstrieren, wie es von einem so traditionsreichen, lange gewachsenen Berufsorchester wie den NDR-Sinfonikern vielleicht nicht erwartet werden darf. Letzteres steht für das Solide, die Bremer für das Besondere. Das sehr Besondere, wie an diesem Abend einmal mehr deutlich wurde. (KubA)

06.05.2015, Hamburg. Laeiszhalle. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen • Hilary Hahn, Paavo Järvi
07.05.2015, Hamburg. Laeiszhalle. NDR Sinfonieorchester • Thomas Hengelbrock

Ludwig van Beethoven: Ouvertüre zu »Egmont« op. 84
Henry Vieuxtemps: Konzert für Violine und Orchester Nr. 4 d-Moll op. 31
Zugabe:
Johann Sebastian Bach: Gigue aus Partita Nr. 3 E-Dur BWV 1006 für Violine solo
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Franz Schubert: Symphonie Nr. 8 C-Dur D 944 »Große C-Dur-Symphonie«
Zugabe:
Jean Sibelius: Valse triste op. 44/1 (Kuolema)

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Bedřich Smetana: Má vlast »Mein Vaterland« / Symphonische Dichtung
Bedřich Smetana: Vysehrad
Bedřich Smetana: Vltava »Die Moldau«
Bedřich Smetana: Sárka
Bedřich Smetana: Z ceských luhu a háju »Aus Böhmens Hain und Flur«
Bedřich Smetana: Tábor
Bedřich Smetana: Blaník »Blanik«

Synecdoche, New York (2008)

Synechdoche

Zu: Charlie Kaufmann, VSA, 2008. Ausgewiesen als Tragikkomödie, Drehbuch und Mitproduzent ebenfalls C. Kaufmann.

An einem tristen Septembermorgen erwachte Woody Allen in seiner Lieblingsstadt und es war Herbst. Aus dem Radio erklang traurige Musik und traurige Gedichte über die Vergänglichkeit allen Seins ergriffen ihn, und er fühlte sich auf einmal elend und alt. Dabei war er mit seiner neuen Inszenierung „Tod eines Handlungsreisenden“ auf dem besten Weg, denn sein grandioser Einfall, junge Schauspieler die alternden Figuren spielen zu lassen, ließ die Dialektik der Zeit im Spannungsfeld zwischen altem Stück und postmoderner Gesellschaft aufscheinen. Aber er fühlte sich nicht wohl.

Nein, wirklich nicht, er dachte an das Sterben und was er noch vollbringen musste, bevor er gehen konnte, daran, dass er noch nicht den vollkommenen Ausdruck seines Daseins gefunden hatte, nicht einmal seine Tochter konnte die innere Leere, die sich in ihm ausbreitete, wenn er ans Sterben dachte, füllen. Seine Frau schien weit glücklicher, nur er, er wusste nichts mit sich anzufangen vor der Tatsache des Verrinnens dieser armseligen Tage, Stunden, Minuten und Sekunden.
Was nur konnte er tun, um dieses flüchtige Dasein wirklich zu erfassen und der Welt etwas zu geben, das jedem vor Augen führte, was wahre Kunst und damit wahres Leben bedeutete? Das jedem das Elend des sterblichen Künstlers begreiflich machte, in dieser Welt, die sich ihm grau, voller Schmerz und Verlust, Tod und Grausamkeit darbot – sah außer ihm denn niemand, wie furchtbar das Sein in dieser Stadt vom Grauen des Todes überschattet war? Diese Stadt, die ihm alles war, sein Universum, eine kunstvoll menschlich geschaffene Kulisse für die Seele der bewussten Kreativität, ein Ort, an dem Reflexion und Kunst geatmetet wurde, der Zusammenfluss aller Erkenntnisse, die universell und historisch vorhanden waren, das Zentrum denkender Existenz. Cogito, ergo sum – wenn er verginge, hörte das Denken auf und alles Sein.
Über seiner Verzweiflung verging ihm jeglicher Humor, über den Schmerzen vergaß er seine Herkunft und selbst der sinnliche Reiz einer Kartenverkäuferin konnte ihn nicht aus dem Grabesbewusstsein reißen. Er verwandelte sich in Charlie Kaufman.
Und er beschloss, einen Film zu machen.
Einen Film, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte, einen Film, der das Leben war, das Leben der bewusstesten Existenz. Die Schauspieler sollten zur Wirklichkeit werden, Sinnbild für die Umkehrung des Verhältnisses zwischen Welt und Theater, Leben und Tod. Die gespiegelten Figuren sollten sich selbst spielen und ihr Leben zur Bühne machen, während in brennenden Bildern symbolisch das Inferno des Innenlebens derer, die die Avantgarde, die Spitze des künstlerischen Bewusstseins darstellten, gezeigt würde. Es sollte ein Film ohne Zuschauer sein, die ultimative Aussage über die Verlorenheit in einer Kunstwelt, die nichts weiter wollte, als das Sterben zu begreifen und es auszumerzen. Deren existenzielles Zentrum und Lebenssinn die Durchdringung dieses Rätsels war. Seine Einsamkeit würde endlich weichen, die Qual der (scheiternden) Erkenntnis würde erträglich und er fände Frieden für die Ewigkeit.
Und er drehte das Stück. Vielleicht ging es ihm irgendwann nur noch darum, herauszufinden aus dem Labyrinth stilistischer Finessen und metatheoretischer Wendungen, die sich in schwindelerregender Höhe stapelten und durch ein Netz aus Leitsignalen, Symbolen und Referenzen abgesichert waren. Fast verlief er sich selbst.
Schließlich aber hatte er alle Windungen des Labyrinths kartiert und er sprang durch das Netz mitten in den Zerfall seiner Kunstwelt. Figuren starben.
Zum ersten Mal erreichte ihn in seiner Einsamkeit die Tragik anderen Seins: Alles musste sterben. Alle starben.
Seine Mutter war tot. Zurück zu ihr, zu allem, was liebte, fand er im Angesicht des Todes, denn alle waren verbunden in der Gemeinschaft der Sterblichen.
Am Ende war Trost, im Ende erreichte er sich selbst.
Nur das Leben hatte er nie empfunden.
R.i.p., New Yorker Künstler.

(KudV)

Mahabharata (1989) – Zur Verfilmung von Peter Brook

Sich mit der Verfilmung des Mahabharata zu beschäftigen, ist ein bisschen wie Streunen durch die Welt der Guiness-Bücher: In unseren Breitengraden ist das Werk weitgehend unbekannt, dafür aber umso höher geschätzt von jenen, die sich damit befassen. Die gleichnamige Grundlage für den Film ist das umfangreichste poetische Werk der Weltliteratur; die zeitgleich zur hier besprochenen Inszenierung entstandene Serienverfilmung mit 94 Episoden à 45 Minuten soll die erfolgreichste indische Serie des Fernsehzeitalters sein. Ich stelle mir gerade vor, Peter Jackson verfilmte die Bibel textgetreu und scheitere gleich wieder daran: unvorstellbar, er könnte damit nur annähernd ähnlichen Erfolg haben. Zumindest ist die Bibel als einflussreiches Werk gleichauf mit dem Mahabharata, das vermutlich zwischen 400 vor und nach u. Z. niedergeschrieben wurde (die Geschichten sind mutmaßlich gut 1000 Jahre älter).
Peter Brook, ein sehr einflussreicher britischer Theaterregisseur, arbeitete zusammen mit Jean-Claude Carrière (bekannt als Co-Autor vieler Buñuel-Filme) und Marie-Hélène Estienne 8 Jahre lang am Script zu einer 9-stündigen Theaterfassung des Mahabharata, aus der dann 1989 eine Fernseh-Mini-Serie wurde. Momentan ist nur die 6-stündige-DVD-Fassung erhältlich. Bedauerlicherweise wurde diese nie deutsch synchronisiert oder untertitelt, sodass nur diejenigen Zugang haben, die sattelfest im Englischen sind. So viel zu den Äußerlichkeiten.

Die Voraussetzungen für Brooks Fassung waren ganz objektiv eine Herausforderung: „Was hier gefunden wird, kann woanders auch gefunden werden. Was hier nicht gefunden werden kann, kann nirgends gefunden werden“, steht im ersten Buch des Mahabharata. Vermittelt durch die Geschichte der zwei verwandten, sich bekriegenden Geschlechter der Pandava und der Kaurava werden moralische Probleme, ethische Regeln und kriegsrechtliche Fragen teils unterhaltsam wie in einem Familienepos erörtert. In unzähligen Haupt- und Nebenhandlungen geht es um Taten und Folgen, Ursachen und Wirkungen der Beziehungen der Menschen untereinander und zur Welt (wozu auch das Unsichtbare, Abstrakte gezählt werden muss). Die Aussagen sind widersprüchlich und komplex und dienen doch im indischen Verständnis der Reflexion des eigenen Seins in allen Lebenslagen. Wie gut es Peter Brook gelungen ist, dieser Komplexität gerecht zu werden, ist verständlicherweise umstritten. Die Frage ist, was seine Absicht war, denn bei aller Kritik von indischer Seite, wie sehr er das Original und seine Aussagen verfehlte, hat diese westliche Interpretation sicherlich ihre Berechtigung – zumindest als Fenster zu einer fremden Kultur.
Eine sehr schöne Leserantwort auf den Verriss eines indischen Kritikers argumentiert, dass die Repräsentation anderer Kulturen mit unterschiedlichem Ziel und Erfolg in Museen und anderen kulturellen Einrichtungen (wie dem Film) stattfinde – manche seien Fenster, andere Spiegel. Jene, die als Spiegel fungierten, zeigten die Leute sich selbst, ihre eigene Herkunft, Geschichte und Kultur, und würden meist von denjenigen verstanden und gepriesen, die diese Kultur kennten. Andere Museen und kulturelle Produkte seien wie Fenster, die es den Menschen außerhalb einer Kultur ermöglichten, einen Blick auf die fremde Wirklichkeit zu werfen. Selbstverständlich hätten die Menschen, die zu der abgebildeten/dargestellten Kultur gehörten, das Gefühl, dass etwas fehle, und behaupteten daher, dass die Fremden, die durchs Fenster schauen, etwas Elementares verpassen.

Man kann also Peter Brook den Vorwurf machen, er habe Elemente der Griechischen Tragödie und abendländischer Erzählstrukturen in seine Interpretation eingefügt, indem er die Protagonisten in einer Art schicksalhafter Verstrickung, die auch die Götter nicht auflösen können, interpretiert. Man kann aber auch feststellen, dass für westliche Zuschauer/-innen das Verständnis enorm gesteigert wird, wenn eine Ahnung von Bekanntem vorhanden ist. Und im besten Fall führt diese Ahnung dann zu so viel Interesse, dass eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Stoff folgt, die viele „Missverständnisse“ ausräumt. Der Anspruch Peter Brooks war auch nicht mehr und nicht weniger als eine Interpretation, die zeigt, wie universell die Lehren des Mahabharata sind. Um dies zu verdeutlichen, hat er u.a. einen Cast zusammengestellt, der Schauspieler aus allen Ecken der Welt mit verschiedensten Hautfarben und starken Akzenten im Englischen vereint. Was sich im ersten Moment eher abschreckend liest, funktioniert erstaunlich gut – dadurch dass dies in keinster Weise thematisiert wird. Die Schauspieler füllen ihre Rollen perfekt aus. Sie wirken dank der theatralischen Inszenierung alle ein bisschen überlebensgroß, wie mythologische Figuren, man kommt selten in Versuchung, sie psychologisch verstehen zu wollen. Dasselbe gilt für das Setting und die Effekte, sie werden nie über die Geschichte gestellt, das Wesentliche ist der Phantasie des Zuschauers überlassen. Glücklicherweise, sagt der fantasiebegabteTeil von mir, der auch mit den tschechischen Märchenverfilmungen oft zufriedener ist als mit zeitgenössischen Fantasyverfilmungen. Weniger visuelle Ablenkung durch CGI-Schnickschnack fördert die inhaltliche Wirkung.

(KudV)